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NEWS, 30. Oktober 2003, S.154 und 156 (Interview: Heinz Sichrovsky / Claudia Augustin)

 

Zwei Streiter vor dem Herrn
Bischof Krenn und Erwin Steinhauer trafen einander am Nationalfeiertag für NEWS zum Disput über Schönborn, Groer, den Islam und den Herrn Karl

 

Als geeichte Patrioten kennen wir kein Halten, wenn es darum geht, den Nationalfeiertag zu würdigen. Während also am vergangenen Sonntag auf dem Heldenplatz die Panzer auffuhren, brachten wir im Wiener Haus der Musik zwei Charakterköpfe zueinander, die für viele das Abgründige im österreichischen Antlitz verkörpern: Kurt Krenn, die Christenheit polarisierender Bischof von St. Pölten, und der Schauspieler Erwin Steinhauer führten ein erst kabarettistisches, dann aber an die letzten Dinge führendes Gespräch.

 

NEWS: Herr Steinhauer, Sie haben am Burgtheater den „Herrn Karl“ gespielt. Entspricht der dem österreichischen Antlitz?

Steinhauer: Absolut. Ich möchte sofort mit meinem Lieblingszitat antworten: „Nicht, dass ich blind wäre gegen die Fehler der Regierung, i war immer kritisch, i hab immer olles durchschau, aa a Regierungsmitglied, wenn i ma so anschau, der is imma so wie i. Und i kenn mi. So san de olle.“ Ein Kritiker schrieb darüber: „Wenn wir Wiener so schlecht wären, wie es der Herr Karl behauptet, dann wären wir heute nicht da, wo wir sind.“ Darauf sage ich: Na eben.

NEWS: Herr Bischof, ist der Herr Karl wirklich ein prototypischer Österreicher?

Krenn: Österreicher nicht, aber Wiener.

Steinhauer: Einspruch! Der politische Opportunismus ist kein Vorrecht des Wieners! Der Herr Karl des Jahres 1961war Ballonverkäufer, Billeteur, ist im Wirthaus gesessen. Heute ist es so, dass der Herr Karl auch im Parlament sitzt und zu den Eliten dieses Landes gehört. Insofern ist dieser Wiedergänger also jetzt viel präsenter als 1961. Ich selbst bin total gespalten, weil ich das Land wirklich wahnsinnig gern habe. Ich hab nur große Probleme mit der Bevölkerung.

NEWS: Das heißt, wenn man im Morgengrauen durch Österreich geht, ist es relativ schön.

Steinhauer: Auch zu Mittag, wenn keiner auf ist.

NEWS: Herr Bischof, wann gehen Sie am liebsten durch Österreich?

Krenn: Wenn ich nicht unbedingt an Wiener seh.

Steinhauer: Was haben Sie gegen die Wiener? Wo sind Sie gebürtig?

Krenn: Ich bin ein Oberösterreicher. Ein Mühlviertler.

Steinhauer: Eine schöne, aber raue Gegend. Da versteht man viel.

Krenn: Ja, wir lassen uns nix gefallen.

NEWS: Lassen Sie uns ernst werden. Wie geht es dem Papst?

Krenn: Dazu kann ich nur sagen: Natürlich schaut das nicht so lustig aus, wenn man sich beim Sprechen so schwer tut. Das war schon besser, jetzt ist es weniger gut. Dem Papst geht's nicht schlecht. Er wird so viele Tage leben, wie der liebe Gott es wünscht. Das andere da, über die Krankheit des Papstes zu reden, das find ich nicht gut. Ich rede lieber davon, wie viel er uns an Zeugnis gegeben hat.

NEWS: Kardinal Schönborn ließ in einem Interview wissen, der Papst sei am Sterben. Billigen Sie das?

Krenn: Nein! Das gehört sich nicht! Ich kenne den Papst aus der Nähe sehr gut, und er war mir immer ein Beispiel. Der Papst hatte solche Einlassungen nie notwendig. Ich habe von ihm noch nie, wirklich noch nie ein böses Wort über andere gehört. Das tut er nicht, und deshalb soll man sein Charisma und seine Güte einfach stehen lassen. Ich war vor ein paar Tagen in Rom. Er ist älter geworden. Wer wird das nicht? Aber er ist ganz sicher voll in der Lage, die Dinge zu beurteilen. Bei ihm gibt es keine geistige und keine moralische Schwäche. Deswegen, glaube ich, dürfen wir ihn ruhig noch ein bisschen leben lassen.

Steinhauer: Wenn man einen Menschen sieht, der ein Amt bis zur Selbstaufgabe ausübt, ist das ein faszinierendes Moment. Aber auf der anderen Seite denke ich mir immer: Aber er ist doch nicht nur Papst, er ist auch Mensch. Der leidet doch offensichtlich. Gibt es keine Möglichkeiten, ihm das Leben zu erleichtern?

Krenn: Er hat eine Aufgabe. Deshalb bin ich auch gegen dieses Rücktrittsgerede. Er sieht sich der Sache gewachsen. Er kann es, und er wird es können.

NEWS: Und Sie selbst: Sind Sie aus Überzeugung umstritten?

Krenn: Das ist eine sehr angenehme Erfahrung, wenn Leute auf einen losgehen. Das gibt mir die Einsicht, dass ich Kompetenz habe. Und wenn einer massiv gegen mich auftritt, dann weiß ich, er hat mich verstanden.

NEWS: Sie spalten ganze Bevölkerungsgruppen.

Krenn: Gut so! Das ist auch ein Dienst an der Allgemeinheit, wenn man sie zu etwas wie Unterscheidung zwingt.

Steinhauer: Aber ein bisschen nachgeben wäre doch christlich. Entvölkern Sie nicht allmählich die Kirche?

Krenn: Bei Dingen, die wir als die Wahrheit bezeichnen, gibt es das nicht. Religion ist unsere Bestimmung. Und die Wahrheit sagen. Ich hab keine großen Programme zu verkünden. Das macht der Herr Jesus selber. Ich hoffe, dass ich immer verstehe, was er will, dass ich tue. Viele mögen solche Leute wie mich nicht.

Steinhauer: Ich versuche, Sie zu verstehen. Wo liegt denn die Chance der Kirche? Liegt sie darin, sich permanent dem Zeitgeist zu öffnen, aufgeweicht dem Mainstream hinterherzuhecheln? Oder liegt die Chance in einer gewissen Art von Fundamentalismus? Die mit Abstand fundamentalistischste Religion ist der Islam. Und hat den größten Zulauf.

Krenn: Weil er von seinen Mitgliedern viel verlangt, während wir eine Softie-Religion betreiben und uns verkaufen. Wenn wir dem Menschen etwas zumuten, wird das auch gelebt. Auch Christus war Fundamentalist. Wenn er sagt: „Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, ich bin das Leben“: Solche Dinge kann man nicht sagen, wenn man nicht in einer grundsätzlichen Überzeugung steht. Zum Islam stehe ich allerdings sehr kritisch. Er ist eine sehr aggressive, ausschließende Religion. Das heißt nicht, dass es nicht auch edle, gute Muslime gibt. Ich habe viele Freunde dort. Als in der Heimat unser Arzt gestorben ist, ein Muslim aus Syrien, da habe ich den in einer Form beerdigt, die auch den Muslimen sehr, sehr gut gefallen hat. Ich habe gesagt: Schaut Leute, der gehört nicht zu unserer Glaubensgemeinschaft. Aber er war ein guter Arzt und ein guter Mitmensch. Ich habe ihn beerdigt und die Gebete gesprochen. Nur haben wir momentan in besonderem Maß den Terrorismus. Und dort ist der Islam schlechthin unsittlich.

Steinhauer: Sie können doch nicht Terrorismus mit Islam gleichsetzen! Hat es nicht Zeiten gegeben, wo sich die Christen gegen Andersgläubige verhalten haben wie Terroristen?

Krenn: Wenn man im Koran nachliest, gibt es dort über 200 Stellen, an denen alles verurteilt wird, was nicht muslimisch ist. Alles schlechte, gottlose Menschen. Wo gibt es das im Christentum?

Steinhauer: Ich bin nicht gläubig, aber ich würde mich dennoch als Suchenden bezeichnen. Bin ich deshalb gottlos?

Krenn: Möglicherweise ja. Dieser noble Verzicht auf Gott, der ist gar nichts. Wenn ich irgendwo etwas zu sagen habe, werde ich immer von Gott reden. Immer. Auch dort, wo die Menschen meinen, sie hätten alles schon für sich selber gewusst und geplant. Die Gottlosigkeit ist es, die uns unglücklich macht.

Steinhauer: Ich hätte gerne gewusst, wie man den Zusammenhang von Zölibat und Pädophilie betrachten soll. Wäre es nicht besser, den Druck von den Leuten wegzunehmen?

Krenn: Wer in der Kirche den Zölibat annimmt, der nimmt ihn freiwillig an. Wer ihn nicht leben will, der hat auch jeden Anlass verwirkt, Priester zu werden.

Steinhauer: Aber warum hängt die Kirche so am Zölibat?

Krenn: Weil wir viel freier sind dadurch. Schaun S', ich brauch heute nicht fragen und ich bekomm auch keine Rüge, weil ich fortgegangen bin.

Steinhauer: Teuer ist der Zölibat auch! Die Kirche muss für die vielen unehelichen Kinder von Priestern schließlich Alimente zahlen.

Krenn: Da wissen Sie aber etwas, was ich nicht weiß. Ja, so was kommt schon mal vor. Aber bezahlen muss es der, der es tut! Und es ist bei weitem nicht so verbreitet, wie es dargestellt wird. Ich bin jetzt 12 Jahre Bischof von St. Pölten und hatte nur einen einzigen Fall. Und die Massen pädophiler Priester … das stimmt nicht. Das ist ja das Schwere bei diesen Dingen: Wenn jemand beschuldigt ist, kann er denn seine Unschuld beweisen?

Steinhauer: Liegt darin der Grund, warum Sie dem Kardinal Groer bis zum Grab die Treue gehalten und ihn von aller erwiesenen Schuld freigesprochen haben?

Krenn: Dass die Schuld erwiesen ist, das müssen Sie beweisen. Ganz sicher wollte man den Kardinal aus der Bahn werfen. Ich kannte ihn gut, und er war eine großartige, anständige, heilige Persönlichkeit. Für mich ist das, was man ihm vorwirft, undenkbar.

Steinhauer: Das Ganze war also ein innerkirchliches Komplott?

Krenn: Ja. Ich kann nur jetzt nicht Namen nennen und Leute haftbar machen, die sich nicht wehren können.

Steinhauer: Und die Opfer gelten nicht? Das ist persönliche Wahrnehmung, oder wie? Da hat's ja Leute gegeben, die haben gelitten. Das sind ja menschliche Schicksale! Menschen, denen auch Nächstenliebe gebührt. Was ist mit Josef Hartmann, der sich als Opfer gemeldet hat?

Krenn: Ich kann Ihnen eins sagen: Zu mir kam einer, da war ich gerade erst Bischof von St. Pölten geworden. Der wollte Religionsstunden im Yspertal haben und hat den Religionslehrer dort sehr vernadert. Ich wusste nicht, wer es ist. Aber später habe ich seinen Namen erfahren. Er lautete Josef Hartmann.


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Texte von Bischof Krenn werden im Internet auf hippolytus.net mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Kurt Krenn publiziert. Verantwortlich: DI Michael Dinhobl und Dr. Josef Spindelböck. Die HTML-Fassung dieses Dokuments wurde aktualisiert am 02.11.2003.

 

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