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Diözesanbischof Dr. Kurt Krenn von St. Pölten

 

Vortrag zur Enzyklika "Fides et ratio"
von Papst Johannes Paul II.

Am 14. September, dem Fest der Kreuzerhöhung des Jahres 1998, erließ Papst Johannes Paul II. die Enzyklika "Fides et ratio" über das Verhältnis von Glaube und Vernunft. Gerichtet ist diese Enzyklika an die Bischöfe der katholischen Kirche; sie steht in enger inhaltlicher Verbindung mit der Enzyklika "Veritatis splendor" (1993) und vor allem mit der ersten Enzyklika des Papstes "Redemptor hominis" vom 4. März 1979. Seit der Enzyklika "Aeterni Patris" (4. August 1879) durch Papst Leo XIII. gab es kein päpstliches Dokument, das sich dem Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Theologie und Philosophie, grundlegend und ausführlich gewidmet hätte.

Selbstverständlich ist die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Vernunft eine ständige Weise der Reflexion über das Gelingen von Glaubenslehre und Theologie. Auch wenn zunächst und unmittelbar die Glaubenslehre über Gott, Mensch, Welt, sittliches Handeln und Heilsgeschichte ihre Aussagen macht, muß das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Offenbarung und Natur, von Gott und Mensch dennoch den Unterschied und die Zusammengehörigkeit dieser unterschiedlichen Wirklichkeiten beachten. So ist der Glaube kein Resultat der Vernunft, so werden die größten Glaubensgeheimnisse immer dem letzten Zugriff der begreifenden Vernunft entzogen sein. Es gelten die Worte des Augustinus: Jeder, der glaubt, denkt; wenn er glaubt, denkt er, und wenn er denkt, glaubt er. Wenn der Glaube nicht gedacht wird, ist er nichts (FR 79). Das Denken ist nicht das alleinige Vorrecht der Vernunft; im Denken der Vernunft und im Glauben ist es die eine Wahrheit vielmehr, in der die Vernunft wahrhaft Vernunft ist und der Glaube wirklich Glaube ist. Ohne Wahrheit wäre die menschliche Vernunft ein völliges Nichts, ein bloßes Instrument ohne jedwedes Kriterium ihrer Identität. Ohne Wahrheit wiederum wäre der Glaube ohne Anspruch und Geltung, denn der Glaube hält für wahr, was in der Offenbarung die Wirklichkeit des offenbarenden Gottes ist.

Wie ist der Glaube in seinem Wesen zu beschreiben? Der Mensch ist verpflichtet, dem offenbarenden Gott im Glauben den Gehorsam des Verstandes und des Willens zu leisten. Das I. Vat. Konzil war berufen, das Verhältnis von Glaube und Vernunft in Auseinandersetzung mit den Philosophien des 18. und 19. Jahrhunderts gemäß dem Wesen des Glaubens zu definieren: "Diesen Glauben, der der Anfang des menschlichen Heils ist, bekennt die Kirche als übernatürliche Tugend, durch die wir auf Antrieb und Beistand der Gnade Gottes glauben, daß das von ihm Geoffenbarte wahr ist, nicht weil wir die innere Wahrheit der Dinge mit dem natürlichen Licht der Vernunft durchschauen, sondern auf die Autorität des offenbarenden Gottes selbst hin, der weder täuschen noch getäuscht werden kann" (DS 1789).

In der Apostolischen Konstitution Dei Filius bringt das I. Vaticanum das Verhältnis von fides und ratio zu einer verbindlichen und systematischen Darstellung. Untrennbar und zugleich voneinander unabhängig sind die natürliche Gotteserkenntnis und Offenbarung, Vernunft und Glaube. In der religiösen Erkenntnis gibt es eine zweifache Erkenntniswerdung, verschieden nicht nur in der Erkenntnisfähigkeit, sondern auch in ihrem Gegenstand. Verschieden in der Fähigkeit: In der einen Ordnung erkennen wir mit der natürlichen Vernunft, in der anderen erkennen wir mit göttlichem Glauben; auch der Gegenstand ist verschieden, denn außer dem, was die natürliche Vernunft erfassen kann, werden uns in Gott verborgene Geheimnisse zu glauben vorgelegt, die nie von uns erkannt werden könnten, wenn sie uns nicht von Gott geoffenbart wären.

Die menschliche Vernunft hat ihre Grenzen, denn die göttlichen Geheimnisse übersteigen ihrer Natur nach so die geschaffene Vernunft, daß sie trotz der Übergabe durch die Offenbarung und trotz der Annahme im Glauben doch durch den Schleier des Glaubens selbst bedeckt und vom Dunkel umhüllt bleiben. Niemals kann die menschliche Vernunft erreichen oder durchdringen, was die innersten Geheimnisse Gottes sind; der Glaube steht über der Vernunft. Es kann jedoch zwischen Glauben und Vernunft keinen wirklichen Widerspruch geben, weil derselbe Gott, der die Geheimnisse offenbart und den Glauben eingibt, der Menschenseele auch das Licht der Vernunft gegeben hat. Gott kann aber sich selbst nicht verleugnen, und die Wahrheit kann der Wahrheit nicht widersprechen. Glaube und Vernunft widersprechen einander also nie, vielmehr helfen sie einander gegenseitig, denn die richtig gebrauchte Vernunft erweist die Grundlagen des Glaubens und bildet, vom Glauben erleuchtet, die Wissenschaft von den göttlichen Dingen aus, während der Glaube die Vernunft von Irrtum befreit, sie vor ihm schützt und ihr vielfache Erkenntnis mitteilt.

Was die dogmatische Konstitution über den katholischen Glauben "Dei Filius" des I. Vat. Konzils zum Verhältnis von Glaube und Vernunft definitiv vorlegt, findet im Ganzen und in vielen Teilperspektiven von FR die entsprechende Anwendung, den historischen Zusammenhang und die angemessene Beurteilung. Was das Verhältnis von Glaube und Vernunft in der Weise unterdrückt, daß es nur die Vernunft oder nur den Glauben geben darf, daß das Natürliche alles Übernatürliche und Gnadenhafte verdrängt oder daß das Übernatürliche sich so totalitär ausbreitet, daß jede Autonomie der natürlichen Vernunft verschwindet, verstößt nach FR gegen die eine Wahrheit, gegen den einen Schöpfer, gegen das Denken des Seins, das alle erkennbare und denkbare Wirklichkeit in den Anspruch von Wahrheit erhebt.

Zu den entscheidenden philosophischen und theologischen Urteilen über den Menschen gehörte das Dogma des I. Vat. Konzils von der natürlichen Gotteserkenntnis aus den geschaffenen Dingen: "Gott, aller Dinge Grund und Ziel, kann mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen mit Sicherheit erkannt werden" (DS 1785). Wer ist der Mensch, was mag seine Vernunft zu leisten angesichts der transzendenten Wirklichkeit des Schöpfers?

Im Vergleich zu den entfalteten Inhalten der übernatürlichen Offenbarung ist es ein Minimum, das der natürlichen Vernunfterkenntnis über Gott gelingt; "Gott aller Dinge Grund und Ziel" - mehr erbringt die Vernunft von sich aus zunächst nicht; dennoch sind alle Dinge in Grund und Ziel auf Gott bezogen. Was geschaffenes Sein ist, kann sich dem göttlichen Grund und Ziel nicht entziehen; auch wenn die begrifflichen Inhalte der natürlichen Vernunft von geringem Reichtum sind, hat die Vernunft dennoch für jedes Ding ein erkenntnishaftes Verhältnis zu Gott. Das Minimum an vernunfthafter Fähigkeit macht nach der Lehre des I. Vaticanums die "Offenbarung" nicht unbedingt notwendig; dennoch ist die Offenbarung für das Heil des Menschen äußerst hilfreich, denn in der gegenwärtigen Lage des Menschengeschlechtes sollen die göttlichen Dinge von allen leicht, mit fester Sicherheit und ohne Beimischung von Irrtum erkannt werden können. Die übernatürliche Offenbarung ist für das Gelingen der Vernunfterkenntnis über Gott nicht absolut notwendig, wohl aber höchst förderlich.

Die Frage über die Erkenntnisfähigkeit der natürlichen Vernunft berührt auch wesentlich die Heilsfrage jenes Menschen, der das Evangelium Christi und die Kirche ohne Schuld nicht kennt. Es gibt in der Gottesfrage einen Weg der Schöpfung und der Natur, der für jene Menschen sich auftut, die weder von Christus und Kirche oder vielleicht nicht einmal von Gott gehört haben. Die natürliche Vernunft wird auf diesem Weg zur Präambel von menschlichem Heil, das Gott auch für die Irrenden und Nichtwissenden bereitet. Wer Christus und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt, Gott aber aus ehrlichem Herzen sucht, seinen im Anruf des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluß der Gnade in der Tat zu erfüllen trachtet, kann das ewige Heil erlangen. Die göttliche Vorsehung verweigert auch denen das zum Heil Notwendige nicht, die ohne Schuld noch nicht zur ausdrücklichen Anerkennung Gottes gekommen sind, jedoch, nicht ohne die göttliche Gnade, ein rechtes Leben zu führen sich bemühen. "Was sich nämlich an Gutem und Wahrem bei ihnen findet, wird von der Kirche als Vorbereitung für die Frohbotschaft und als Gabe dessen geschätzt, der jeden Menschen erleuchtet, damit er schließlich das Leben habe" (Lumen gentium, Nr. 16).

Auch in diesen besagten Fällen geschieht alles nicht ohne die göttliche Gnade; auch die Vernunft und die Freiheit des Menschen gehen den rechten Weg aus Gnade, wenngleich dieser Weg sich als Vorbereitung und Gabe verwirklicht, ohne durch Inhalte der übernatürlichen Offenbarung direkt sich zu thematisieren.

Das Verhältnis von Glaube und Vernunft berührt bei weitem mehr als nur die Frage, wie Glaube und Vernunft als eine Art "Instrument" des menschlichen Wirklichkeitserkennens funktionieren. Der Glaube ist der sich offenbarenden Selbstmitteilung Gottes zugeordnet; die Vernunft erkennt die geschaffenen Dinge, im Akt des Erkennens werden diese Dinge zu Gegenständen / Objekten des erkennenden menschlichen Subjekts. Die menschliche Vernunft erkennt in Allgemeinbegriffen und organisiert ihren Fortschritt im Wissen durch wahre Urteile und richtige Schlußfolgerungen. Der Glaube hält für wahr, was ihm nicht aus der gegenständlichen Erkenntnis der Dinge, sondern aus der Autorität des offenbarenden Gottes kundgetan wird. Auch der Glaube ist ein Akt der ratio, die ihre Wahrheit darin gestaltet, daß sie in den Maßstäben von Sein und Nicht-Sein die Wirklichkeit Gottes und seines Sprechens und Handelns als allgemeingültig, als von allen erkennbar und als grundsätzlich für alle mitteilbar in die unübertreffbare Dimension dessen bringt, was den "Geist" des Menschen ausmacht.

Gottes Wesen ist einfach; einfach ohne irgendwelche Teile und ohne irgendwelche Abhängigkeit von anderer und nichtgöttlicher Wirklichkeit. Die scholastische Metaphysik formuliert diese einmalige und unendliche Wirklichkeit Gottes mit dem Ausdruck: Deus est veritas per essentiam. Auch andere Urteile können über Gott dasselbe sagen: Deus est esse per essentiam, est bonitas per essentiam, est infinitus per essentiam. Das heißt, was Gott ist, ist völlig aus der Selbigkeit des Wesens Gottes begründet und dargestellt. Im Wesen Gottes ist grundgelegt, was Sein, Wahrheit, Gutes und schlechthin Vollkommenes in Gott ist.

Das Geschöpfliche, das Begrenzte und Kontingente hingegen ist, was es ist, nicht aus Selbigkeit; alles Geschaffene, ist Sein / Seiendes per participationem; Gott also ist alles aus der Selbigkeit seines Wesens, von Ewigkeit, unbegrenzt und unendlich, unbedingt und absolut, einfach und durch und durch er selbst. Alles Geschöpfliche und Begrenzte ist in allem eine Teilhabe an Gott; es ist nicht Gott, es ist ohne Gott aber auch undenkbar und unmöglich. In allem, was das Geschöpfliche ist, ist es auf Gott bezogen und von Gott durch und durch abhängig. Auch die Geschöpfe haben Sein, Wahrheit, Gutheit und Identität, nicht per essentiam, sondern im Maße ihres geschaffenen Wesens, das in Abhängigkeit zum Schöpfer steht, denn die Geschöpfe haben esse per participationem.

In diesen Urteilen des menschlichen Intellekts geht es nicht nur um den Erweis, daß die menschliche Vernunft Begriffe und Verhältnisse braucht, um über den einfachen unendlichen Gott etwas über das Menschliche hinaus Gültiges zu sagen; auch wenn es durchaus klar ist, daß Gott auch nicht annähernd angemessen begriffen, erkannt und beschrieben werden kann, muß von der Erkenntniseinsicht der (natürlichen) Vernunft dennoch ein Minimum über Gott gelten und wahr sein. Denn wäre alles nur Werk der menschlichen Vernunft, hätte es über Gott keine Bedeutung und Wahrheit; bei allem Unterschied zwischen Göttlich und Geschöpflich braucht es dennoch eine Gemeinsamkeit.

Diese Gemeinsamkeit zwischen Geschöpf und Gott kann den Unterschied zwischen der menschlichen Vernunft und der Wahrheit Gottes nicht aufheben; auch wenn alles Geschöpfliche seinen Ursprung aus Gott hat, gibt es den Unterschied in verschiedenen Seinsordnungen: Im Bereich von Vernunft und "Geist" hat der "Unterschied" dennoch eine einmalige Werthaftigkeit: der "Unterschied" garantiert die Autonomie. Autonomie wiederum bedeutet für das Verhältnis von Offenbarung und vernunfthafter Erkenntnis, von Glaube und Vernunft, von Natur und Übernatur, von Erkenntnis und Schau, von Glaubenslehre und Philosophie nicht einfach die Trennung entgegengesetzter Bereiche, die ein Zusammenwirken in der Geistperson des Menschen unmöglich macht. Das bringt auch Johannes Paul II. zum Ausdruck, wenn er gegen die heute fortschreitende Trennung zwischen Glaube und philosophischer Vernunft fordert, daß "Glaube und Philosophie die tiefe Einheit wiedererlangen sollen, die sie dazu befähigt, unter gegenseitiger Achtung der Autonomie des anderen ihrem eigenen Wesen treu zu sein. Der parresia (Freimütigkeit) des Glaubens muß die Kühnheit der Vernunft entsprechen" (FR Nr. 48).

Wenn es um die Autonomie der Bereiche des Glaubens und der profanen Wirklichkeiten geht, darf die Autonomie der unterschiedlichen Bereiche nicht bloß Ausdruck nobler Strategie und toleranter Zurückhaltung sein. Was in den Perspektiven von Vernunft und Glaube als Autonomie beider geltend gemacht wird, braucht eine "seinshafte" Begründung, die Ausdruck letzter Wahrheit und Verhältnishaftigkeit ist. Häufig hat der Papst die Lehren des II. Vatikanischen Konzils, besonders von Gaudium et spes, vor Augen, wenn er von der Autonomie der irdischen Wirklichkeiten spricht: Die geschaffenen Dinge haben ihre eigenen Gesetze und Werte, die der Mensch schrittweise erkennen, gebrauchen und gestalten muß. Durch ihr Geschaffen-Sein haben alle Einzelwirklichkeiten ihren festen Eigenstand, ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Gutheit, ihre Eigengesetzlichkeit und ihre eigenen Ordnungen, die der Mensch achten muß. Dies entspricht auch dem Willen des Schöpfers. Wer in wirklich wissenschaftlicher Weise und gemäß den Normen der Sittlichkeit mit diesen Wirklichkeiten verfährt, wird niemals in einem echten Konflikt mit dem Glauben enden, weil die Wirklichkeiten des profanen Bereichs und die des Glaubens in demselben Gott ihren Ursprung haben (vgl. GS 36).

Der Intellekt des Menschen ist seinen Möglichkeiten nach irgendwie unbegrenzt und in seiner Seinsfähigkeit unendlich; denn alles, was ist oder am Sein teilhat, ist für den Intellekt grundsätzlich irgendwie erkennbar, sei es als Gegenstand der Erkenntnis als geschaffenes Ding, sei es als das subsistierende Sein Gottes und als Grund aller Dinge. Diese gewisse Unendlichkeit intellektuellen Erkennens hat schon in der philosophischen Tradition ihren Ausdruck gefunden: "anima est quodammodo omnia" - die Seele, der Geist, der Intellekt ist irgendwie alle Wirklichkeit, denn von jedem Seienden kann der erkennende Intellekt sagen, daß es ist, wenn es ist, und sagen, daß es nicht ist, wenn es nicht ist. Damit spricht der Intellekt das aus, was Wahrheit ist; zwischen Wahrheit und Unwahrheit gibt es kein Drittes, denn Sein und Nicht-Sein bestimmen allein die Wahrheit menschlichen Erkennens.

Auch im philosophischen Betrachten des Erkennens (und auch des Glaubens) erscheint vieles relativ und zeitbedingt; Inhalte, Methoden, Abhängigkeiten und Ursprung lassen vieles im Denken und Erkennen des Menschen so relativ erscheinen, daß die denkerische und kritische Frage sich stellt, womit und wann überhaupt ein unbedingtes An-sich erkannt, dargestellt und geistig mitgeteilt werden kann. Die heute sehr vermehrte Hinwendung auf die Verschiedenheit der Kulturen und die Betonung einer Autonomie der Kulturen bedingt die Frage, wann denn, womit denn und von wem denn etwas erkannt, gedacht und gesagt werden kann, was nicht vom historischen und kulturellen Relativismus in seiner objektiven Erkennbarkeit und Sagbarkeit getrübt ist und aus sich und an sich absolut Geltung hat.

Auch FR ist in einem Hauptanliegen die Rehabilitation der Metaphysik im Verhältnis von Glaube und Vernunft, in der Wahrheitsfrage, die nur im Sein zu stellen ist, in der Transzendenzfähigkeit auch menschlicher Erkenntnis. Metaphysik ist die erkenntnishafte und denkerische Findung der Wirklichkeit, die nicht im Sinnlichen und Einzelnen der Dinge, nicht im "hic et nunc" des irdischen Erkenntnisgegenstandes sich kundtut. Metaphysik läßt auch das wirklich und erkennbar sein, was nicht im "hic et nunc" eingeschlossen ist. Die Metaphysik ist fähig des "Allgemeinen" (nicht bloß des Individuellen und Materiellen) und des Transzendenten.

Vor allem das I. Vat. Konzil hat über das Verhältnis von fides und ratio dogmatisch verbindlich gelehrt und damit auch die Wahrheit über den Menschen theologisch und philosophisch festgestellt. Johannes Paul II. legt die Lehre des I. Vat. seiner Enzyklika zugrunde, so daß vieles, was die Enzyklika über Glaube und Vernunft, über Offenbarung und Vernunfterkenntnis feststellt, eine notwendige Erinnerung über das bedeutet, was längst zur Glaubenseinsicht der Kirche gehört. Weithin geht es also nicht um neue Sichten und Begriffe in einer neuzeitlichen Epoche der Post-Moderne, sondern um eine philosophische und theologische Erinnerung, die der Papst über die immer schon bestehende Frage nach dem Verhältnis Gott - Mensch, Vernunft - Glaube, Natur - Übernatur, Ewigkeit - Geschichte, Subjekt - Objekt, Absolut - Relativ, Identität - Unterschied, Philosophie - Theologie geltend macht.

Die Prozedur solchen Fragens in solchen Unterschieden verlangt eine Sprache und Darstellungsebene, die nicht von sich aus bereits begrenzt und bedingt wäre. Ein Denken und Erkennen, das der Unendlichkeit Gottes angemessen ist und zugleich auch der Ganzheit der menschlichen Selbsterkenntnis dient, kann nicht wie ein Instrument begrenzt und unangemessen sein. Es ist richtig, daß die endliche Vernunft des geschaffenen Geistes dem Menschen nicht wesentlich und substantiell zukommt. Im Gegensatz zu einem Wesensbesitz (per essentiam) kommen die geistigen Fähigkeiten des Menschen von Vernunft und Wille der Substanz des Menschen "per accidens" zu. Ohne eine weitere Vertiefung des Unterschieds können wir festhalten, daß die geistigen Fähigkeiten von Vernunft und Wille, so sehr sie auch mit dem Eigenen des Menschen verbunden sein mögen, sich dennoch vom Wesen des Menschen unterscheiden. Die philosophische Gotteslehre sagt gemeinsam mit der christlichen Offenbarung: Gott ist Geist, Gott ist die Wahrheit, Gott ist die Liebe, Gott ist das Leben, Gott ist unendlich, ewig, vollkommen, unveränderlich, Gott ist einer und einziger, Gott ist allwissend, allgegenwärtig, gerecht und wohlwollend. Gott schafft die Dinge aus dem Nichts, Gott schafft die Seele des Menschen im Menschen. Alle diese Urteile können Aussagen der übernatürlichen Offenbarung in Schrift und Tradition sein; dieselben Urteile können jedoch auch Erkenntnisse der natürlichen menschlichen Vernunft sein. Diese Stimmigkeit von Vernunfterkenntnis und Offenbarung beruht darin, daß der Vernunft und dem Glauben wahre "Seinserkenntnisse" möglich sind, deren Geltung ihre Gemeinsamkeit darin hat, daß Gott das in allem vollkommene Sein ist und daß auch der geschaffene Geist des Menschen die Fähigkeit zu jedweder Erkenntnis dessen ist, was als Seiendes Sein hat. Die Seinsbezogenheit von Vernunft und Glaube läßt nicht zu, daß Erkenntnisse nur partikulär und bedingt gelten, sondern vielmehr die ganze Weite der erkennbaren Wirklichkeit betreffen. Es kann also um nichts anderes als um die Wahrheit gehen, die mit dem Sein konvertibel ist. Was über die Weite der Wirklichkeit im Maßstab der Wahrheit des Seins verfügt, das ist allgemein und immer gültig und in allem grundsätzlich mitteilbar. Offenbarung und Vernunfterkenntnis, die sich nicht in irgendwelchen kategorialen Verhältnissen, sondern im Sein zur sagbaren und begreifbaren Darstellung bringen, sind an sich und in sich von transzendierender Veranlagung.

Es ist nicht die Absicht von FR, eine bestimmte Weise von Kultur oder eine bestimmt philosophische Schule zu empfehlen. Auch wenn der heilige Thomas von Aquin von der Kirche immer als Lehrmeister des Denkens und Vorbild dafür hingestellt wurde, wie Theologie richtig betrieben werden soll, ist die Philosophie und Theologie des Doctor Angelicus weder in ihrer Systematik noch in ihren Inhalten obligatorischer Bestand oder gar der einzige Weg für eine Philosophie und Theologie von heute. Freilich sind die Empfehlungen der Kirche zu Thomas sehr ernst zu nehmen und in den Fortschritt einzubeziehen. So dürfen wir Thomas gemäß den Worten Pauls VI. so verstehen: "Der zentrale Punkt, ja gleichsam der Kernpunkt der Lösung, die er mit seinem genialen prophetischen Scharfsinn für das Problem der neuen Gegenüberstellung von Vernunft und Glaube fand, war die Versöhnung zwischen der säkularen Diesseitigkeit der Welt und der Radikalität des Evangeliums; damit entzog er sich der widernatürlichen Tendenz zur Leugnung der Welt und ihrer Werte, ohne allerdings die höchsten und unbeugsamen Ansprüche der übernatürlichen Ordnung zu vernachlässigen" (FR 43).

Es ist nicht möglich, innerhalb des heutigen Darstellungsrahmens die konkrete Geschichte jenes Verhältnisses von Glaube und Vernunft vorzustellen, aus der das oft sich wandelnde Verhältnis von Glaube und Vernunft sich nachzeichnen läßt. Geistesgeschichte in Philosophie und Theologie wird immer als Unterschied und Übereinstimmung von Vernunft und Glaube sich konkret gestalten, wobei Offenbarung und Glaube gegenüber jeder endlichen Vernunfterkenntnis einen Vorrang und eine gewisse Überlegenheit beanspruchen.

Die Wahrheit kann nur eine sein. Die Offenbarung wird mit ihren Inhalten niemals die Vernunft bei ihren Entdeckungen und niemals in ihrer legitimen Autonomie unterdrücken können; umgekehrt muß die Vernunft wissen, daß sie sich nicht zu absoluter und ausschließlicher Gültigkeit erheben kann. Daher darf die Vernunft die Fähigkeit, sich fragen zu lassen und zu fragen, niemals verlieren.

Die geoffenbarte Wahrheit wird von dem Glauben, der vom subsistierenden Sein selbst ausgeht, volle Erhellung über das Sein gewähren und den Weg der philosophischen Reflexion erleuchten. Theologen und Philosophen haben sich von der einzigen Autorität der Wahrheit leiten zu lassen. Wenn aber Glaube und Vernunft sich in der einen Wahrheit des göttlichen Ursprungs von Offenbarung und von geschaffener Welt befinden, ergibt sich für Theologie und Philosophie ein Zusammenwirken von Glaube und Vernunft in Autonomie, die keine Grenzüberschreitung zuläßt, in der der Glaube die Vernunft und die Vernunft den Glauben zerstören kann. Der Ursprung aus der einen Wahrheit gestattet nicht, daß Theologie und Philosophie in ihrer wahren Erkenntnis einander widersprechen und ausschließen. Allerdings liegt die Geltung des Geoffenbarten und Geglaubten ungleich höher als die bloße menschliche Erkenntnis der Vernunft. Treten also Widersprüche zwischen Glaube und Vernunft auf, so kann ein Widerspruch nur scheinbar sein, der scheinbare Widerspruch löst sich darin auf, daß nicht falsch oder irrig sein kann, was Gott offenbart, daß aber auch die Seinsoffenheit des Vernunfterkennens nur in jenes göttliche Prinzip der Wahrheit einmünden kann, in dem auch die Ergebnisse des Erkennens und Denkens mit dem vollkommenen Sein Gottes und mit der Seinsfähigkeit des Menschen schließlich bedingungslos und allgemein übereinstimmen. Jeder scheinbare Widerspruch hat also einen Weg der Erhellung, der alles in das Sein Gottes und in das teilhabende Sein des Geschöpfes einbringt.

Fides et ratio, Offenbarung und Vernunfterkenntnis, übernatürliche Gabe und natürliche begründete Geltung: diese hier genannten unterschiedenen Verhältnisgrößen stellen nicht in allem dieselben Unterscheidungsgründe dar. Dies betrifft vor allem den Begriff von Theologie und Philosophie als Wissenschaften. Bezüglich der Wechselwirkung zwischen Theologie und Philosophie sieht Johannes Paul II. folgende Gegebenheiten: Das Wort Gottes richtet sich an jeden Menschen, zu jeder Zeit und an jedem Ort der Erde; der Mensch ist von Natur aus Philosoph. In jedem Fall beansprucht das Wort Gottes die Allgemeingültigkeit für jeden Menschen, die Zeitlosigkeit und Unbedingtheit und die grenzüberschreitende Geltung an jedem Ort der Welt.

Universalität / Allgemeingültigkeit und zeitlose Unveränderlichkeit in den Normen und Werten der christlichen Morallehre bilden das formale Herzstück in der theologischen und philosophischen Lehre vom sittlich handelnden Menschen auch in der Enzyklika "Veritatis splendor" (vgl. Veritatis splendor 51,52,53). Fast alle unzulässigen Abweichungen von der wahren Sittenlehre der Kirche leiden in irgendeiner Weise an Mangel von Allgemeingültigkeit und von Absolutheit, so verschieden auch die Irrtümer sein mögen.


Obwohl die Kirche weder eine eigene Philosophie vorlegt noch irgendeiner besonderen Philosophie auf Kosten einer anderen den Vorzug gibt, hat das Lehramt der Kirche klar und entschieden zu reagieren, wenn fragwürdige philosophische Auffassungen das richtige Verständnis des Geoffenbarten bedrohen und falsche Theorien verbreitet werden, die die Reinheit des Glaubens des Gottesvolkes verwirren oder schwerwiegende Irrtümer hervorrufen. Die Kirche hält daran fest, daß der Glaube über der Vernunft steht; es kann jedoch niemals eine wahre Unstimmigkeit zwischen Glaube und Vernunft geben, denn derselbe Gott, der die Geheimnisse offenbart und den Glauben mitteilt, hat in den menschlichen Geist das Licht der Vernunft gelegt; Gott aber kann sich nicht selbst verleugnen, noch (kann) Wahres Wahrem widersprechen (I. Vat. Konzil, Dei Filius, IV, DS 3017, Nr. 53).

Alle diese Aussagen der Kirche zu Glaube und Vernunft hätten keine Wirklichkeit, wenn Glaube und Vernunft nicht schlechthin als demselben Gott entspringend gewußt werden. Auf dieser Grundlegung hält FR an der besonderen Konstitution der Theologie als "Glaubenswissenschaft" fest. Durch den "auditus fidei" gelangt die Theologie zum Besitz der Offenbarungsinhalte in Schrift und Tradition; durch den "intellectus fidei" soll die Theologie den Anforderungen des Denkens durch die spekulative Reflexion entsprechen. Was die Theologie im intellectus fidei erbringt, hat eine eigene Verständlichkeit und ist echtes Wissen, das auch die Heilsbedeutung der im intellectus fidei gebildeten Aussagen sichtbar werden läßt. Von der Gesamtheit dieser Aussagen gelangt der Glaubende zur Kenntnis der Heilsgeschichte, die in der Person Jesu Christi und in seinem Ostergeheimnis ihren Höhepunkt hat. Durch seine Zustimmung aus dem Glauben hat er an diesem Geheimnis teil (66).

Seit seiner ersten Enzyklika von 1979 "Redemptor hominis" ortet Johannes Paul II. das theologische Denken in seiner Vollkommenheit nicht in einem höchsten und abstrakten Wissensbegriff, etwa nach Art des vollkommensten und unendlichen Seins, sondern in der Person Jesu Christi, des menschgewordenen und auferstandenen Erlösers. Das auch von der Philosophie getragene theologische Denken endet nicht im Sein als dem Gleichnis Gottes, sondern in Jesus Christus als dem Sohn Gottes. Johannes Paul II. traut dem theologischen Denken soviel Seinsoffenheit zu, daß es schließlich dem Erlöser Jesus Christus begegnet, der dem Menschen den Menschen selbst voll kund tut und ihm seine höchste Berufung erschließt (vgl. GS 22).

Die spekulative dogmatische Theologie braucht zu ihrer Selbstgestaltung die Philosophie. Denn die Dogmatik braucht den Gestaltungsraum der Philosophie, um in Begriffen und Urteilen das Geoffenbarte in den Rang des allgemein Mitteilbaren zu heben. Ohne die Philosophie könnte die Theologie z.B. nicht über Gott und seine Schöpfung, über den wahren Gott und wahren Menschen Jesus Christus, über die Dreifaltigkeit angemessen sprechen; aber auch die Moraltheologie wäre nicht lehrbar, wenn die philosophische Ethik nicht Begriffe wie Sittengesetze, Freiheit, Gewissen, Schuld, persönliche Verantwortung definiert und der Theologie zur Ausbildung der Begriffe und zur Argumentation überläßt. Die denkerisch vorgehende Theologie setzt wenigstens implizit eine auf die objektive Wahrheit gegründete Philosophie vom Menschen, von der Welt, vom Sein selbst voraus. Ohne sich also einem konkreten philosophischen System überlassen zu müssen, braucht die Theologie einen anwendbaren Rückgriff der Vernunft auf eine gesamte und begreifbare Wirklichkeit, d. h. auf ein Sein, das mit dem Wahren und Guten konvertibel ist und dessen absolute Konkretion das subsistierende Sein Gottes im Verhältnis der Seinsanalogie zwischen Schöpfer und Geschöpf ist. Johannes Paul II. stellt damit fest, daß eine begriffliche und wissenschaftliche Theologie ohne philosophische Metaphysik nicht gelingen kann. Ein geistig vollziehbares Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Offenbarung und menschlichem Erkennen braucht die Metaphysik des Seins, um die Autonomie und Zusammengehörigkeit der beiden Bereiche im geistigen Subjekt Mensch als eine Weise der Identität aus göttlichem Ursprung wirklich sein zu lassen. Kurz: FR ist eine heute notwendige Rehabilitation der Metaphysik in der rationalen Philosophie und in der wissenschaftlichen Theologie unserer Zeit. Es ist weniger eine "Ontologie" bestimmter Bereiche als eine Seinsmetaphysik, die Göttliches und Geschöpfliches als Ganzes und Wesentliches begreift.

Die Fundamentaltheologie als die Rechenschaft über den Glauben und als vorbereitender Weg des Glaubens braucht in jedem Fall ein geläutertes Verhältnis zur Philosophie. Die natürliche Fähigkeit des Menschen zur Gotteserkenntnis aus den geschaffenen Dingen gelingt aus der philosophischen Fragestellung über die Geschöpfe und bedarf nicht unbedingt einer übernatürlichen Offenbarung. Eine entscheidende Frage stellt sich heute der Fundamentaltheologie bezüglich der Wahrheit, ohne die es keinen Glauben und kein gültiges Erkennen des Menschen geben kann. Was die Philosophie für den Glaubenden vorbereitet, soll schließlich in die Annahme der Offenbarung einmünden.

FR bewertet vieles, was im Lauf der Geistesgeschichte als Fehler, Irrtum und einseitige Abweichung sich zeigt. Dies kann nun hier nicht im einzelnen dargestellt werden. Die Kirche mußte auch gegen ein religiöses Mißtrauen bezüglich der natürlichen Fähigkeiten der Vernunft auftreten und den Fideismus und radikalen Traditionalismus (Bautain, Bonetty) verurteilen; zum anderen mußte die Kirche die Offenbarung und den Glauben gegen den Rationalismus und den Ontologismus, die der natürlichen Vernunft etwa zuschrieben, was nur im Lichte Glaubens erkennbar ist, lehrhaft verteidigen. Schließlich legte das I. Vat. Konzil noch einmal in feierlicher Form fest, daß natürliche Gotteserkenntnis und Offenbarung, Vernunft und Glaube einerseits untrennbar und zugleich voneinander unabhängig sind. Ein von der Enzyklika besonders bemerkter Rückfall in den Fideismus ist der "Biblizismus" von heute, der allein auf das Schriftwort sich bezieht und die Überlieferung als eine Gegenwart des Wortes Gottes verneint. Die Hl. Schrift ist nicht der einzige Anhaltspunkt für die Kirche; so stellt auch Dei Verbum des II. Vat. Konzils fest: "Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift bilden den einen der Kirche überlassenen heiligen Schatz des Wortes Gottes" (Nr. 10).

Verzichten müssen wir heute auf die ausführliche Besprechung jener Teile der Enzyklika, die sich mit der Philosophiegeschichte, mit Irrtümern, mit dem Schulbetrieb und mit der Lehre und dem Studium der Philosophie im Rahmen der Theologie befassen; in einem Text von mehr als hundert Nummern muß vor allem das entscheidend Wesentliche deutlich gemacht werden.

Fast genau auf den Tag erschien vor 20 Jahren die erste Enzyklika des Papstes "Redemptor hominis", am 4. März 1979. Als ich damals den Text dieser ersten Enzyklika studierte, erschien mir genau jener Text aus Gaudium et spes (Nr. 22) als die aufschließende Einsicht in das Denken des Papstes, die in der Lehre von Gott und vom Menschen immer wieder tragend ist: "Christus ... macht ... in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung" (FR 60). Johannes Paul II. sagt darüber selbst nach nun 20 Jahren, daß gerade dieser Text aus Gaudium et spes zu den "festen Bezugspunkten" seines Lebens gehört.

War diese vom Papst so sehr betonte Erhellung des Daseins des Menschen durch den Erlöser nun ein wahrer Fortschritt in Philosophie und Theologie? Man könnte sich vorstellen, daß der letzte und höchste Horizont aller Reflexion in der Theologie von einem umfassenden, aber letztlich abstrakten Seinsbegriff gebildet wird; in diesem Fall wäre Theologie nur eine Weise der Ontologie. Metaphysisch hingegen haben die reine Wahrheit und Wirklichkeit, die das Tatsächliche und Empirische übersteigen, dem Verstehen der Wahrheit über den Menschen sich aufzutun. Es geht in der Metaphysik um mehr als um eine Alternative zur Anthropologie; es geht auch um mehr als um das Transzendieren des Empirischen in einem Höchsten und Allgemeinen, mehr als um ein ontologisches Wissen im Sein als solchem.

Nicht in der abstrahierenden Verfolgung des menschlichen Personbegriffs hat Johannes Paul II. in der "Person" die Transzendenz, das Absolute, die Würde der Person, das objektiv Wahre und sittlich Gute, das Unübertreffbare eines jedweden Gottesverhältnisses des Menschen in Glaube und Liebe gefunden. Es war vielmehr die Glaubensaussage des II. Vatikanischen Konzils, die alle Abstraktion eines höchsten Allgemeinbegriffs überstieg und in der Person des Erlösers jenen Halt erkannte, in dem der Mensch sich selbst kund wird. Das Höchste und Letzte der Erlösung ist also nicht ein Eintauchen in die Weite des abstrakten Seins, sondern die konkrete Begegnung des Menschen als Person mit dem Vollkommensten aller Menschen und dem Sohn Gottes, Jesus Christus. So sagt FR: "Besonders die Person stellt einen bevorzugten Bereich dar für die Begegnung mit dem Sein und daher mit dem metaphysischen Denken. Wo immer der Mensch einen Hinweis auf das Absolute und Transzendente entdeckt, öffnet sich für ihn ein Spalt zur metaphysischen Dimension des Wirklichen: in der Wahrheit, in der Schönheit, in den sittlichen Werten, in der Person des anderen, im Sein selbst, in Gott" (83).

In der Betonung der metaphysischen Komponente sieht der Papst den unumgänglichen Weg, die Krisensituation der heutigen Philosophie zu überwinden. Es bedarf des Übergangs vom Phänomen zum Fundament. Einer Theologie ohne metaphysischen Horizont wird es nicht gelingen, über die Analyse der religiösen Erfahrung hinauszutreten; dem intellectus fidei wäre es auch nicht möglich, den universalen und transzendenten Wert der geoffenbarten Wahrheit auf kohärente Weise zum Ausdruck zu bringen (vgl. 83).

Mit der Versiegelung der Metaphysik in der Personhaftigkeit Gottes und des Menschen kann das Denken über das Allgemeinste und Höchste des Seins hinaus einen neuen theologischen Begriff von "Wirklichkeit" kundtun, der im personalen Wesen Gottes ruht und auch in jeder geschaffenen Person irgendwie das "Ganze" verwirklicht. Die wirkliche Wirklichkeit Gottes und des Menschen wird nicht im Unbestimmten einer höchsten Abstraktion, sondern in der Gemeinschaft Gottes mit den geschaffenen Personen / Menschen sein, eine Gemeinschaft der Heiligen, die auch Sünde und Erbsünde für den Gewinn der letzten Wahrheit zu überwinden hat.

Die Würde der Person, die immer mehr das Thema geistiger Vorgänge ist, wird im dritten Jahrtausend nicht mehr bloßer Besitzstand, sondern eine wahre Erkenntnisperspektive des Seins, eine Grundkraft der menschlichen Seele für Freiheit, Frieden, Wissen, Glauben und Gottesliebe sein.


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Texte von Bischof Krenn werden im Internet auf hippolytus.net mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Kurt Krenn publiziert. Verantwortlich: DI Michael Dinhobl und Dr. Josef Spindelb÷ck. Die HTML-Fassung dieses Dokuments wurde erstellt am 26.08.1998.

 

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