zurück   Vorträge
Diözesanbischof Dr. Kurt Krenn von St. Pölten

 

Vom recht verstandenen Gehorsam
Vortrag in Kevelaer am 30. April 1993

1. " Gehorsam" ist in unseren Tagen ein Wort, das nicht gerne gehört wird, auch nicht in unserer Kirche. Selbst im Augenblick der Weihe, wenn Diakone und Priester ihrem Bischof oder ihrem Oberen "Ehrfurcht und Gehorsam" versprechen, gibt es Versuche, den Gehorsam als bloße Gemeinschaft und Willigkeit der Mitarbeit umzudeuten.

2. Der Gehorsam wird oft aus Ereignissen der Geschichte belastet, als wäre Gehorsam nichts anderes als kumpanenhafte Gefolgschaft bei schlimmen Taten und Verbrechen. "Pflicht" und "Gehorsam" werden nicht selten als eine Situation des Gewissens dargestellt, in der das Gewissen ohne die Unterscheidungsgabe zwischen Gut und Böse sich der bloßen formalen Pflichterfüllung ausgeliefert sieht; Gehorsam als bloße Pflichterfüllung wird als Mitwirkung an Verbrechen und Unmoralität in Geschichte und Gegenwart denunziert, sodaß mit den Begriffen von Pflicht und Gehorsam nur mehr negative Folgen verbunden werden, die wiederum Pflicht und Gehorsam als menschenunwürdig und unmoralisch erscheinen lassen. So ist schnell skizziert, warum im heutigen Bewußtsein der Menschen der Gehorsam nur negativ bewertet wird und darüber hinaus die Verweigerung des Gehorsams als notwendige moralische Haltung angesehen wird.

Mit der moralisch motivierten Verwerfung des Gehorsams wird oft gleichzeitig der "Widerstand" gegen Autorität als authentisches sittliches Handeln zum notwendigen Kontrapunkt gegen Macht und Autorität hochstilisiert. Der nächste Schritt heutiger Verweigerung des Gehorsams ist das Vorurteil, daß das bessere Recht a priori beim Kleineren gegenüber dem Großen, beim Ärmeren gegenüber dem Reichen, beim Untergebenen gegenüber dem Vorgesetzten liegt. Dabei wird nicht mehr beachtet, wo das bessere Argument, wo der Anspruch des Gemeinwohls, wo die Legitimität der Autorität, wo Recht und Gerechtigkeit und wo der Wille Gottes sachgerechter und wohlbringender vertreten werden. Denn in der Kontestation der Autorität und des Gehorsams wird ohne Umsicht und Bedenken nach einer beliebig gewählten sozialen Proportion vorgegangen, daß "unten" besser als "oben" sei, daß jener Macht haben soll, dem es gelingt, in der Rolle des Kleinen, Armen und Verfolgten aufzutreten. In der Verwerfung des Prinzips Gehorsam wird nicht selten vergessen, daß der Vorgesetzte und Verantwortliche selbst unter dem Gehorsam steht, daß der Untergebene oft viel freier als der Vorgesetzte ist, wenn er sich dem Ganzen nicht verpflichtet, das der Vorgesetzte hingegen zu ordnen, zu bewahren und mühsam zu fördern hat.

3. Es kann bei unseren bewußt theologisch angelegten Erwägungen nicht darum gehen, über Gehorsam, über Unter- und Überordnung im ganzen Bereich menschlicher und sozialer Wirklichkeit abzuhandeln. Es wird nicht einmal möglich sein, in allen Bereichten kirchlicher Ordnung und christlichen Lebens über die Sache des Gehorsams umfassend abzuhandeln. Wir werden auch nicht genügend einsichtig sein, wenn der Gehorsam nur als ein "Verhältnis unter Menschen" betrachtet wird, in dem es die Gebietenden und die Gehorchenden gibt; auch psychologische und pädagogische Erwägungen sind bestenfalls von Menschen ausgedachte Konfliktstrategien, nicht aber der Blick auf das Wesentliche. Eine begründende Antwort kann es nur geben, wenn der zum Gehorsam gerufene Mensch sein Dasein im Willen und Wesen Gottes erhellt. Und kein anderer schließt uns die Frage von Gehorsam, Liebe und Freiheit besser auf als Jesus Christus, der wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich ist. Und es werden die entscheidenen Fragen des Gehorchens im Verhältnis Mensch - Gott zu beantworten sein, ehe der Gehorsam zwischen den Menschen, die alle Gottes Geschöpfe sind, verständlich werden kann.

4. Jesu Christi Verkündigung, so froh auch seine Botschaft sein mag, ruft ständig zum Gehorchen auf; einige Beispiele dafür: "Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe" (Mt 3,2). "Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen" (Mt 4,19). "Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab" (Mt 5,42). "Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen" (Mt 5,44). "Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit und der Weg ist breit, der ins Verderben führt, und viele gehen auf ihm" (Mt 7,13). "Hütet euch vor den falschen Propheten" (Mt 7,15). "Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir" (Mt 11,29). "Wachet" (Lk 21,36), "haltet auch ihr euch bereit" (Lk 12,14). "Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe" (Mt 28,19 f). Viele Weisungen Jesu fordern Gehorsam; und derselbe Herr, der mit größter Autorität den Gehorsam fordert, sagt über seine Sendung: "Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat" (Joh 4,34); "wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat" (Lk 10,16).

Rein menschlich, d.h. als ein Ordnungsverhältnis unter Menschen, könnten wir den Gehorsam nur in Positionen definieren, die ein verschiedenes "Haben" und nicht ein "Sein" bedeuten. Die Gleichheit der ursprünglichen Würde gehört zum Sein des Menschen als gottgeliebter Person. Unter Menschen funktioniert diese Gleichheit jedoch nur in einer Ordnung des "Gemeinwohls", in der es den Vorrang des Gebietenden gegenüber dem Gehorchenden gibt; dennoch wissen wir, daß kein Mensch als schlechthin Gebietender oder als schlechthin Gehorchender geboren wird, denn das personale Sein des Menschen ist Gleichheit in der Würde. Wenn also ein Gemeinwohl, das Gehorsam verlangt, sich rechtfertigen soll, muß es der Gleichheit in der personalen Würde dienen.

Die in ihrer Würde gleichen Menschen partizipieren an der Autorität des Gebietenden, die zur Wahrung und Förderung der personalen Würde eingerichtet ist; die Menschen sind gleichsam der Grund menschlicher Autorität, was dennoch nicht bedeutet, daß alle gleich gebieten könnten und niemand zu gehorchen hätte. Um der konkreten Durchsetzung des Gemeinwohls in Gleichheit willen bedarf es der Autorität des Gebietenden und Ordnenden; es bedarf aber auch der Gehorchenden und zum Gemeinwohl Beitragenden.

Autorität und Gehorsam haben im menschlichen Bereich mit der Geschöpflichkeit des Menschen zu tun: der in seiner Würde unüberbietbare Mensch ist als Geschöpf endlich und begrenzt und unterscheidet sich von unzähligen anderen Menschen, die alle für sich einmalig und anders sind und doch in der gleichen Würde stehen. Wenn aber Autorität und Gehorsam im Bereich menschlicher Verhältnisse dem Gemeinwohl dienen, könnte der Schluß sich ergeben, daß Autorität und Gehorsam einen rein menschlichen Ursprung haben. In ihrer Begründung unterliegen menschliches Gebieten und Gehorchen nicht einfach den Spielregeln menschlicher Interessen, denn die unüberbietbare Würde des Menschen kann nur deswegen unüberbietbar sein, weil der Mensch mehr als ein bloßes Lebewesen ist, er ist das Abbild Gottes des Schöpfers.

6. Aus der für alle gleichen, gottgeschenkten Würde ergibt sich das Gebieten und Gehorchen in der Ordnung des Gemeinwohls. Betrachten wir jedoch Gebieten und Gehorchen jenseits ihrer äußeren Erscheinungsformen und beachten wir, daß um desselben Gemeinwohles willen es Personen sind, die gebieten, und es Personen sind, die gehorchen, begreifen wir, daß es immer "Liebe" sein muß, was das Innere des Gebietens und auch des Gehorchens ist. Wo Personen eine geordnete Gemeinschaft bilden, kann das seinsgerechte Verhältnis der Personen zueinander nur die "Liebe" sein. Wenngleich damit nicht eine vollständige Definition des Wesens der Person erbracht ist, ist es dennoch eine wesensgerechte Umschreibung: Person ist, wem Liebe geschuldet wird; Person ist, wessen Handeln Liebe sein soll. Liebe im eigentlichen Sinn kann nur zwischen Personen bestehen; nur Liebe wird dem Sein der Person gerecht. Gebieten und Gehorchen können also letzlich nur Liebe sein, die sich zwischen Personen ereignet.

Damit werden der Besitz von Macht des Gebietenden und die Unterordnung des Gehorchenden auf eine gemeinsame Mitte bezogen, die ein Sein ist, in dem die Unterschiede ihre Aufhebung kundtun. Aus dieser Mitte erhellen auch die Worte des Kolosserbriefes: "Belügt einander nicht, denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Taten abgelegt und seid ein neuer Mensch geworden. Er wird nach dem Bild des Schöpfers erneuert, um ihn zu erkennen. Dann gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen ..." (3,9-11). Diese Worte sind nicht die Ansage einer revolutionären Veränderung für die Zukunft, sondern die Feststellung einer Mitte, die längst die gängigen Unterschiede aufgehoben hat und sich für jeden Menschen auf das Bild des Schöpfers bezieht, sodaß die Liebe vorwegnimmt, was noch sozial, politisch, rechtlich und öffentlich im Bereich des "Habens" zu ordnen ist. Die gerechte soziale und politische Ordnung rechtfertigt sich nicht erst aus ihrem geschichtlichen Ergebnis, sondern ist vielmehr die Kundgabe dessen, daß im Sein der Personen immer schon die Ordnung der Liebe gilt, die Gebieten und Gehorchen völlig anders begründet als der Besitz von Macht und menschlicher Gefolgschaft.

Auch wenn Gebieten und Gehorchen ihren Ernst im Gemeinwohl der Personen begründen, haben sie in der Person - als ein Abbild des Schöpfers - ihre höhere Wahrheit, die Gebieten und Gehorchen gleichermaßen Berufung und Würde sein läßt, wo die Worte gern in einer eigentümlichen Logik erscheinen: "Ihr wißt, daß die Herrscher ihre Völker unterjochen und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen mißbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, sei euer Diener, und wer bei euch der Erste sein will, sei euer Sklave" (Mt 20,25 ff.).

7. Bis zu diesem Punkt ging es darum, das gleichsam äußere Verhältnis von Gebieten und Gehorchen in einem personalen Verhältnis als reale Ereignisse von "Liebe" vorwegzubestimmen. Diese Deutung setzt jedoch Transzendenz und metaphysische Wirklichkeit voraus, auf die sich der heutige Zeitgeist eines Menschenbildes in absoluter Selbstbestimmung nicht einläßt. Das heutige Bild vom Menschen klammert sich an ein menschliches Ego, das keinerlei Fremdbestimmung zulassen will. Diese Abweisung jeder Bestimmung durch andere oder durch anderes wird vielmehr als besonders zutreffende Beschreibung der menschlichen Freiheit im Handeln angesehen; frei scheint also jener Mensch zu sein, der sich in keiner Hinsicht etwas auferlegen läßt, was er einfach annehmen oder übernehmen müßte, ohne solche Bestimmungen von sich selbst oder in sich selbst gesetzt zu haben.

Eine solchermaßen konzipierte Freiheit wird kein Gebot Gottes, keine vorgegebene sittliche Norm, keine gemeinschaftlich beschlossene Ordnung, keine Weisung und kein Gebieten durch andere akzeptieren. Nichts also darf in den Identitätsraum des Ego eindringen, was nicht aus eigener Entscheidung und Tat zu seiner Geltung erhoben wird.

Freilich könnte man in solch beschriebener Freiheit noch einmal den Unterschied verschärfen: Freiheit ist Freiheit, weil jede Bestimmung durch andere fehlt; das heißt, Freiheit ist nur Freiheit, wenn das Selbst des Menschen alles ausschließt, was den Ursprung nicht im Selbst hat.

8. Freiheit könnte jedoch auch in einer anderen Weise wirklich sein, wenn es möglich ist, daß der frei entscheidende und handelnde Mensch etwas sich ganz zu eigen macht, auch wenn dieses zunächst nicht den Ursprung im Selbst hat; zu fragen bleibt jedoch in diesem Fall, ob diese Freiheit ein "Wesen" hat, das nicht ausschließlich singulär, individuell und subjektiv ist, sondern in einer universaleren und allgemeineren Dimension sich selbst verwirklicht.

Könnte man aufzeigen, daß die Freiheit des Menschen nicht in eine singuläre Isolation, sondern in eine Gemeinschaft eingestiftet ist, die in Werten, Normen und Wahrheiten kommuniziert, könnte auch Freiheit sein, was der Mensch im Kommunizieren einer solchen Gemeinschaft verwirklicht. In diesem Fall könnte der frei sich bestimmende Mensch etwas als seine ureigenste Angelegenheit bejahen, was ihm gleichzeitig ein gemeinschaftliches Tun und ein Messen in einer Dimension ermöglicht, die ihn mit Normen und Wahrheiten anderer Menschen verbindet. So könnte die Sache der vielen Menschen auch die Sache des einzelnen freien Menschen sein.

Damit steht die Frage der Freiheit vor der Frage, ob zur Freiheit eine Art allgemeingültiges "Wesen" gehört oder ob Freiheit nur in der isolierten Singularität und Subjektivität wirklich Freiheit und authentische Selbsbestimmung ist. Mit anderen Worten noch einmal die gleiche Frage: Übt der Mensch - ähnlich wie der Schöpfer - seine Freiheit voraussetzungslos, unabhängig von anderem und nur in eigener Autonomie und Autorität aus oder verletzt es doch nicht das Eigentümliche der Freiheit, wenn Wahrheit und Übereinstimmung mit anderen zur substantiellen Gestalt der Freiheit gehören?

Sollte also die Freiheit des Menschen sich nicht das voraussetzungslose Schöpfersein anmaßen, wäre auch der Gehorsam eine mögliche legitime Gestalt der Freiheit, sofern der Gehorsam eine Weise der Kommunikation unter Personen ist und er in Übereinstimmung mit einer Wahrheit steht, die Allgemeingültiges der Person ist. In dieser Sicht wird die Freiheit nicht dadurch zerstört, daß es Ursachen und Abhängigkeiten gibt, die der Freiheit auferlegt sind; eine solche Freiheit bedarf zu ihrer authentischen Gestalt nicht einer Situation, in der alles so angeordnet ist, daß nur das Subjekt sich selbst bestimmte und ungehindert freien Lauf für seine Entscheidungen und Taten hätte. Eine solche maßlose Freiheit wäre die Freiheit des Solipsisten, die alles Vorgegebene verneint und nur sich selbst gehorsam wäre. Die maßlose Freiheit hätte keine Innerlichkeit, da sie sich einzig in Verneinung aller Fremdbestimmung verwirklichen möchte.

9. Die denkerische Auseinandersetzung darüber, was denn der Mensch sei, was die Wahrheit bezüglich des Menschen sei, hat sich immer wieder an den geistigen Grundkräften des Menschen orientiert, nämlich an seiner Vernunft und an seinem freien Willen. Heute genießt und gebraucht man wohl das Erkennen und Wissen, bringt jedoch bei der "Freiheit" die Frage nach dem Menschen auf den Punkt. Denn, man läßt die Welt des Wissens gelten, weil sie zu "gebrauchen" ist, möchte jedoch jenseits der verfügbaren "Brauchbarkeit" sich wie der Herr aller Dinge selbst frei bestimmen. Die Brauchbarkeit stellt keinen Anspruch von Wahrheit, der zu gehorchen wäre; das Brauchbare, auch das wissenschaftlich Brauchbare, hat keine andere Sanktion als Nutzen oder Schaden. So fühlt sich der Mensch heute nicht zur Anpassung an die Natur und auch nicht zum Erkennen der Dinge herausgefordert; er sucht vielmehr die Erfahrung mit sich selbst in der freien Selbstbestimmung, in der er Gott und alles, was nicht seinem Ego entspringt, verneint oder als bedeutungslos erachtet. Wenngleich die Welt des Wissens unvorstellbar groß geworden ist, läßt er nur ihre Brauchbarkeit gelten; er verzerrt sich jedoch immer mehr im Experiment der Freiheit. Obwohl man meinen müßte, daß die erweiterte Welt des Wissens ihn objektiv einsichtiger gemacht hätte, entwickelt der Mensch heute einen geradezu irrationalen Subjektivismus, der nichts anderes als ein Aufstand gegen Normatives, Vorgegebenes und Transzendentes ist. Daraus wiederum ergibt sich ein bizarres Bild von Kultur, in dem die Perversion, die Absurdität, die Maßlosigkeit, Rücksichtslosigkeit, Selbstherrlichkeit, das Chaos und die Verantwortungslosigkeit geradezu zu Kunstformen des modernen Lebensgefühls sich hochstilisieren. Technik und Naturwissenschaften als Mittel der Daseinsbewältigung müßten die Welt des Menschen doch sehr rational gestalten; es scheint jedoch, daß die rational beherrschbaren Verhältnisse des Menschen in der Gestaltung der "Kultur" zu einer ausgeprägt irrationalen Freiheit provozieren.

10. Von der Abweisung der Ordnung und von der Verweigerung des Gehorsams ist auch die Kirche in ihrem Inneren betroffen. Selbst bei aller Christozentrik bleibt in der Kirche manchmal folgenlos, was zur Erlösung führte, nämlich der Gehorsam des Erlösers: Christus Jesus "war wie Gott, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuze" (Phil 2,6 ff.).

Wohl gibt es in der Kirche heute besondere Fälle und Strategien von Ungehorsam; der alltägliche Gehorsam ereignet sich jedoch immer schon als Auseinandersetzung mit dem Ungehorsam des sündigen Menschen. Seit der Ursünde Adams ist das wechselvolle heilsgeschichtliche Verhältnis zwischen Mensch und Gott fortdauernd ein Problem des Ungehorsams, sodaß Paulus im Römerbrief sagen kann: " Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden" (Röm 5,19). Gehorsam und Heil, Ungehorsam und Sünde stehen für die Menschen aller Zeiten in einem festen Zusammenhang; die Geschichte der Menschheit hat in der Gehorsamsfrage gegenüber Gott einen ständigen Parameter, der grundlegender als die Fragen von Fortschritt und Mehrung des Guten ist; schließlich zeigt sich darin, daß die Fragen des Menschen, seiner Rechte und Würde und seiner Selbstverwirklichung ohne das Kriterium des Gehorsams gegenüber Gott und seiner Offenbarung auch in der Geschichte nicht gültig gedeutet werden können. Jeder Augeblick der Geschichte und des einzelnen Menschenlebens ist nicht nur das, "was der Fall ist", sondern auch ein Stimmen oder Abweichen, ein Zustimmen oder Verweigern, ein Erreichen oder Verfehlen, ein Zutreffen oder ein Irrtum, Gehorsam oder Ungehorsam; es gibt also nicht den "indifferenten" Augenblick in der Geschichte, der nur Abfolge des einen Augenblickes aus dem anderen wäre, ohne daß ein Ereignis des Stimmens und Gehorsams stattfände. Wie groß auch immer der Ungehorsam sein mag, ist jeder Augenblick wesentlich eine Situation des Gehorsams, in dem es ein Gelingen oder Mißlingen gibt. Gehorsam ist eine durchgehende Seinsbestimmung der geschaffenen Welt, in der sich auch die Freiheit des Menschen ereignet.

11. Wenn heute in Welt und Kirche der Gehorsam mißverstanden oder gar abgelehnt wird, wird oft ein Gehorsam gemeint, der ein Element eines antiquierten Untertanenstaates ist. Dieser Untertanengehorsam vollzieht sich in den Rahmenbedingungen einer mächtigen Obrigkeit, die mit bloßer Macht und Gewalt die Ausführung von Leistungen gebietet, und von Untertanen, die ohne Freiheit und Einsicht ausführende Instrumente sind. Dieses negative Bild wird auch auf die Welt des Glaubens und des kirchlichen Lebens zuweilen übertragen und entzieht dem Gehorsam die eigentliche Moralität, die der Freiheit und der Einsicht des gläubigen Menschen bedarf.

In der Kirche geht es nicht um einen blinden Gehorsam, sondern um den "religiös gegründeten" Gehorsam, der auf seine Weise Freiheit und Einsicht voraussetzt. Von einem solchen religiös gegründeten Gehorsam spricht zum Beispiel die Dogmatische Konstitution "Lumen gentium" des II. Vatikanischen Konzils: Die Gläubigen müssen mit dem Spruch ihres Bischofs in Glaubens- und Sittensachen übereinkommen und ihm mit religiös gegründetem Gehorsam anhangen. Der religiöse Gehorsam des Willens und Verstandes gebührt wiederum in besonderer Weise dem authentischen Lehramt des Papstes (vgl. LG 25). Der religiöse Gehorsam des Gläubigen liegt also nicht einfach darin, daß man etwas äußerlich erfüllt, was von einem Oberen geboten wird; die Ausführung des religiösen Gehorsams muß hingegen ihren Grund im Ganzen des geistigen und geistlichen Daseins des Menschen haben. Der religiös gegründete Gehorsam kann nicht darin sein, etwas äußerlich und dinglich zu tun, dem man innerlich nicht zustimmt. Der Gehorsam schließt eine innerliche Zustimmung nicht aus; der religiöse Gehorsam fordert diese sogar, denn religiöser Gehorsam kann nur der freie Gehorsam sein, der seine Freiheit auch vernunfthaft dem Gehorchen zuzuordnen weiß; der religiöse Gehorsam ist nämlich ein Gehorsam des Willens und des Verstandes.

12. Jeder Akt von Gehorsam in der Kirche hat eine notwendige Verknüpfung mit dem Glauben und dessen Lehre, mag der Glaube Begründung oder Gegenstand des religiösen Gehorsams sein. So geschieht es nicht selten, daß die Verweigerung des Gehorsams aus einer fehlenden Beziehung zum Glauben herrührt und daher Vernunft und Freiheit direkt berührt. Von der Kirche wird der Glaubensakt selbst als vom Glaubenden frei übernommener Gehorsam bestimmt: "Da der Mensch von Gott, seinem Schöpfer und Herrn, ganz abhängig und der geschaffene Verstand der unerschaffenen Wahrheit völlig unterworfen ist, sind wir verpflichtet, dem offenbarenden Gott im Glauben vollen Gehorsamsdienst des Verstandes und Willens zu leisten. Diesen Glauben, der der Anfang des menschlichen Heils ist, bekennt die katholische Kirche als eine übernatürliche Tugend, durch die wir auf Antrieb und Beistand der Gnade Gottes glauben, daß das von ihm Geoffenbarte wahr ist, nicht weil wir die innere Wahrheit der Dinge mit dem natürlichen Licht der Vernunft durchschauten, sondern auf die Autorität des offenbarenden Gottes selbst hin, der weder täuschen noch getäuscht werden kann" (Vaticanum I, DzH 3008; vgl. Neuner/Roos, Nr. 31). Der Glaube könnte nicht der Glaube des Menschen sein, wenn nicht Verstand und Wille das Glauben als ureigensten Akt übernähmen, wenn nicht der Gehorsam des Verstandes und Willens als frei gewollt und übernommen im Menschen bestünde.

13. Auch wenn der Glaube für das profane und agnostische Denken wie die größte Knechtschaft aussieht, die dem Menschen nichts mehr übrigläßt, was er von sich aus bestimmen und für sich vorbehalten könnte, kann der Glaubensgehorsam dennoch in Freiheit übernommen werden und unbegrenzt in die Verantwortung des Menschen einziehen. So ist der Glaubensgehorsam zunächst wohl die größte Last und Mühe für eine Vernunft, die auf Evidenz und gegenständliches Erkennen angelegt ist; der Glaubensgehorsam erscheint dieser Vernunft als totaler Widerspruch zur Vernunft. Löst sich jedoch die Vernunft von ihrer Selbstgestaltung in Evidenz und Gegenständlichkeit durch ihre freie Entscheidung, kann sie in ihrer Identität dennoch das verantworten, was sie gehorchend glaubt, unbedingt bekennt und sie an der unerschaffenen, aber geoffenbarten Wahrheit Gottes teilhaben läßt. Es ist das Eigentümliche des offenbarenden und gütigen Gottes, daß er dem glaubensgehorsamen Menschen mitteilt, was ganz die Sache des Menschen, die Vollkommemheit und das wahre, erfüllte Menschsein sein kann, wenn der Mensch in seiner Freiheit den Glauben als seine völlige Selbstbestimmung übernehmen will und Gott ihn dazu beruft. Was wir glauben, ist nichts Absurdes oder Skurriles; was wir glauben, kann alles des Menschen sein und zu wahrem Menschsein gnadenhaft erheben.

Der Gehorsam des Glaubens muß in nichts gegen Menschenwürdigkeit verstoßen; der Gehorsam des Glaubens kann alles gestalten, was des vernünftigen Menschen ist und alles Glück und Heil gestalten, das in der Selbstbestimmung des Menschen als die Sehnsucht des Menschen angelegt ist.

Hat sich also der Gehorsam des Glaubens mit der Menschenwürde versöhnt, ist die Freiheit des Menschen nicht mehr in der Abweisung der Fremdbestimmung, sondern in der Übernahme der Selbstmitteilung Gottes zu gestalten.

14. Auch in der Seinsordnung des Glaubensgehorsams sind alle Glaubenden gleich an Würde. Wer gleich an Würde ist, kann sich zu Gleichen an Würde nur in "Liebe" verhalten: Unter- und Überordnung, Gehorchen und Gebieten, Gemeinwohl und Einzelwohl können diese Liebe nicht abschaffen. In allen Weisen menschlicher und kirchlicher Ordnung hat die Liebe ihren unbedingten Vorrang. Wenn wir mit dem 1. Johannesbrief (4,18) bekennen, daß Gott uns zuerst geliebt hat, so muß dieses "zuerst" zweifach gedeutet werden: 1.) Gott hat uns Menschen zuerst geliebt, ehe wir Menschen Gott geliebt haben; 2.) Gott hat uns zuerst geliebt, ehe er der Welt und der Kirche eine Ordnung gab, in der das Gehorchen und das Gebieten ihre Gültigkeit haben.

Zugunsten der Gleichen an Würde gibt es das Gemeinwohl in Kirche und Welt, das ein Gebieten und Gehorchen verlangt und rechtfertigt. Aber auch im Verhältnis der Gleichen an Würde untereinander besteht etwas, was der entscheidende Schritt zum Gehorsam zugunsten der Gleichen an Würde ist: die Ehrfurcht der Gleichen an Würde voreinander und füreinander. Das Dasein eines anderen Gleichen an Würde bedeutet das wohlwollende Annehmen eines anderen Gleichen, was für jeden wiederum Selbstbegrenzung und Selbstbeschränkung bedeutet. Wenn Ehrfurcht dieses selbstbegrenzende Annehmen des anderen Gleichen ist, dann ist Ehrfurcht jener Gehorsam, den wir uns frei auferlegen, weil wir den anderen Gleichen lieben und diesen nicht aus Befehl, sondern aus Freiheit lieben.

15. Und es ist Ehrfurcht vor dem anderen Gleichen, die uns zur Ordnung im menschlichen und religiösen Gehorsam anleitet. Die Kirche hat wesentlich ein hierarchisches Ordnungsprinzip, das Gebieten und Gehorchen verlangt. Doch ehe jeder in der Kirche gemäß seiner Berufung den Platz des Gehorchens und Gebietens einnimmt, haben alle zuerst Gehorsam zueinander in Ehrfurcht, letztlich in Liebe, geübt. Wie auch die Berufungen und Ämter in der Kirche sein mögen, keines ist von der ehrfürchtigen Liebe befreit. Denn der Gebietende ohne Ehrfurcht vor dem Gehorchenden wäre ein Despot, dem es an wahrer Autorität fehlte, weil er auf Macht und Gewalt ohne Ehrfurcht setzte. Auch der Gehorchende ohne Ehrfurcht würde sich selbst in die Sklaverei, in die Servilität, in die Unredlichkeit und hinterhältige Unzuverlässigkeit verbannen, weil er keinen Mut zur Gemeinschaft in Ehrfurcht mit dem Gebietenden hat.

Viele Probleme im Leben der Kirche entstehen aus Ungehorsam; der Grund des Ungehorsams aber liegt im Mangel an Ehrfurcht voreinander. So liegt die Erneuerung in der Ordnung der Kirche in der Rückkehr zur Ehrfurcht; Ehrfurcht aber ist der vorauseilende Gehorsam aller voreinander und füreinander, das Zuvorkommen im Guten und in der Liebe. Eine unheilvolle Entwicklung in der Kirche ist das, was viele als "vorauseilenden Ungehorsam" bezeichnen und als legitimes Prinzip der Veränderung der Kirche durch faktische Verweigerung der Ordnung preisen. Was ohne Ehrfurcht vor dem Werk Gottes und vor der Berufung im Ganzen des Leibes Christi geschieht, wird niemals den Segen Gottes und den Gehorsam des Volkes Gottes ernten. Wer ohne Ehrfurcht in der Kirche handelt, wird trotz aller Machtstrategien im eigenen Ungehorsam und im Ungehorsam der anderen schließlich scheitern. Die Kirche wird als das Werk Christi bis zum Ende der Zeiten bestehen, doch ihr Überdauern wird sich in einer zarten Zerbrechlichkeit ereignen, die Ehrfurcht heißt und dem Menschen seinen rechten Platz vor Gott und dem Volk Gottes anweist.

16. Der Glaubensgehorsam, der religiös gegründete Gehorsam in der Kirche scheint immer wieder ein unüberwindbares Gegenüber zu bedeuten: Gebietender - Gehorchender, unendlicher Gott - endlicher Mensch, Fremdbestimmung - Selbstbestimmung. Wir suchen immer wieder jene Wirklichkeit, in der dieses Gegenüber seine wirkliche Einheit hat, in der sich reine Ehrfurcht ereignet, aller Gehorsam und alle Mühsal eine Versöhnung mit unserem Dasein finden.

Der Philipperbrief sagt vom Erlöser Jesus Christus: "Sein Leben war das eines Menschen" (2,7). Im Leben eines Menschen, im Leben Jesu also, ereignete sich alles Gegenüber, was den Gehorsam schwer macht und dennoch den Gehorsam als Liebe kundtut. Denn Jesus Christus, der Gott gleich ist, erniedrigte sich und war gehorsam bis in den Tod. Jesus, der aus dem Einssein mit dem Vater nie herausfällt, lebte das Leben eines Menschen und wurde weit über allen menschlich gebotenen Gehorsam hinaus geprüft; denn größer konnte der Gehorsam nicht sein als bis zum Tod am Kreuz, wo nach menschlichen Maßstäben alles endet und nichts mehr diesen Gehorsam sinnvoll zu rechtfertigen scheint. Und in Christus blieb reine Liebe auch der Gehorsam im Tod, der uns als das hoffnungslose Zerbrechen an einem Gebieten erscheint, das nur mehr als Gegenüber und nicht mehr als Einheit und Versöhnung wirkt. Christus lebte das Leben eines Menschen, in ihm ist wirklich geworden, daß die Liebe stärker ist als der Tod, daß der Gehorsam immer ein Offenbarwerden der Liebe ist, die nie aufhört, die an nichts zerbricht. Menschsein bedeutet Gehorsam, bedeutet Selbstbegrenzung und Selbstlosigkeit in der Sache Gottes. Nichts verliert der Mensch in jenem Gehorsam, der Gebietenden und Gehorchenden in der Ehrfurcht und Liebe eint.

17. Schon im Hintergrund gläubigen Gehorchens steht die Wirklichkeit der göttlichen Dreifaltigkeit: Ein Gott in drei Personen, ein Gott in drei Gleichen an Gottheit. Auch in der geheimnisvollen Trinität Gottes ist das Verhalten der Gleichen zueinander Gehorsam, der nichts anderes als Liebe ist; der Vater ist nicht der Sohn, der Sohn ist nicht der Heilige Geist, der Heilige Geist ist nicht der Vater; der Unterschied der Gleichen besteht und steht dennoch nicht der vollkommensten Einheit der Gleichen im Wege. Jeder, der theologisch nachdenkt, kann gerade in der Trinität, der vollkommensten Wirklichkeit aller Wirklichkeiten, jene Verhältnisse des Gehorsams verstehen, die nicht in der Abhängigkeit, sondern in der Liebe die Unterschiede bewahren und dennoch die vollkommenste aller Gemeinschaften sind.

Was den religiösen Gehorsam trägt, trägt auch die Autorität des Gebietens. Wenn die Autorität des Gebietens in Ehrfurcht und Liebe gründet, gibt es anderes als die Autorität aus Macht, nämlich auch die Autorität aus Dienen und Hingabe; die Autorität geht auch nicht aus Treue oder im Leiden verloren. Den am Kreuz getöteten Christus hat Gott erhöht; die Autorität des leidenden Gottesknechtes war es, daß er selbst leiden und sterben wollte; alles Leiden Christi ist Autorität, weil er das Leiden wollte: ipse voluit. Autorität ist aktive Identität im Gebieten und Gehorchen; auch der in Liebe und Ehrfurcht Gehorchende steht in dieser Autorität. Was die Autorität ausmacht, ist die Verantwortung, die im Gehorchen und Gebieten wie die Liebe unbedingt ist; die Liebe ist so unbedingt und dauerhaft, daß wir sagen dürfen: amo, ut amem; Liebe ist Liebe, und das genügt für die Liebe.

18. Die Kirche braucht heute ihre Erneuerung im Glaubensgehorsam, aber auch in der Sorge für ihre gottgewollte Ordnung. Von den Hirten der Kirche wird heute verlangt, daß sie endlich mit Macht die Ordnung wiederherstellen; die Autorität wird der verlieren, der sie nicht ausübt. Die Kirche "schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin" und verkündet das Kreuz und den Tod des Herrn bis er wiederkommt (vgl. LG 8). Die Liebe ist die Autorität der Kirche Christi; ohne diese Autorität ist die Kirche nicht das Sakrament für die innige Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit (vgl. LG 1). In der heutigen Not der Kirche entdecken wir die Autorität des Leidens, der Treue und der Hingabe; auf diesem Pilgerweg wird die Kirche zu neuen Taten erstarken, um ihre Trübsale und Mühen, innere gleichermaßen wie äußere, durch Geduld und Liebe zu besiegen und das Mysterium des auferstandenen Herrn, schattenhaft aber doch getreu, in der Welt zu enthüllen, bis es am Ende im vollen Lichte offenbar werden wird (vgl. LG 8).

Vorweggenommen und vollendet ist dieser Weg schon in Maria; sie leuchtet hier auf Erden in der Zwischenzeit bis zur Ankunft des Tages des Herrn als Zeichen der sicheren Hoffnung und des Trostes dem wandernden Gottesvolk voran (vgl. LG 8).


zurück
Texte von Bischof Krenn werden im Internet auf hippolytus.net mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Kurt Krenn publiziert. Verantwortlich: DI Michael Dinhobl und Dr. Josef Spindelb÷ck. Die HTML-Fassung dieses Dokuments wurde erstellt am 28.11.1997.

 

Zur Hauptseite der "Bisch÷flichen Homepage"

Zur Di÷zese St. P÷lten