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Diözesanbischof Dr. Kurt Krenn von St. Pölten

 

Das soldatische Ethos im 20. Jahrhundert
Vortrag am 6. Dezember 1996 vor Offizieren in Straß

Das aus dem Griechischen stammende Wort "Ethos" bedeutet zunächst "Gewohnheit", "Sitte". In seiner weiterführenden Bedeutung bedeutet "Ethos" das auf den Normen der Ethik beruhende Verhalten des Menschen. Wenn man heute dieses Wort für ethisches Verhalten verwendet, können Gewohnheit und Sitte an sich nicht einfach das tatsächliche und gleichförmige Verhalten ohne die Relevanz des Sittlichen meinen. "Ethos" ist irgendwie als Wort ein Bekenntnis zur werthaften Qualität von Geschichte und Tradition, die in ihrer Gestaltung etwas kundtun, was ethische Bedeutung hat und daher zum Tun des Guten und zum Meiden des Bösen den Menschen anhält. "Ethos" bedeutet daher nicht nur ein Gewissensurteil über komplexe Fragen in der Gegenwart, sondern auch ein Maßnehmen an den Werten der Geschichte, die uns das Wesen des Menschen kundtun.

Der Mensch steht als Mensch von Anfang an im Unterschied zu den übrigen Lebewesen und Dingen, denn der Mensch ist das einzige sichtbare Lebewesen, das frei ist; weil der Mensch frei ist, kann er Gutes und Böses tun, kann er für sein Handeln ein Gewissensurteil über Gut und Böse sich bilden. Die Freiheit wurzelt in der Geistnatur des Menschen gleichermaßen wie die Fähigkeit, Wahrheit zu erkennen und nur mit der Wahrheit zufrieden zu sein. Eine nie abschließbare Frage ist, wie denn das Ethische in die Welt des Menschen eintreten kann. Wir können vieles wissen und erforschen; im bloßen Erkennen und Wissen der Gegenstände aber stellt sich dem Menschen noch nicht die Frage: Was soll ich tun? Was darf der Mensch tun? Angesichts vieler Fortschritte in Wissen und Können, angesichts der Maßlosigkeit des Denkbaren und Machbaren, wird heute der Ruf nach einer Ethik immer dringender. Weil man die Selbstzerstörung des Menschen durch Fortschritt und Maßlosigkeit fürchtet, stellt man die Frage, ob denn alles, was man tun "kann", man auch wirklich tun "darf". Freilich begreift man heute noch nicht genug, wenn man einfach Ethik fordert, denn das "Sollen" verspürt der Mensch aus anderem Ursprung als das Wissen und Können. Daher sind die "Ethiken", die wir für Medizin, Politik, Umwelt, Wissenschaft usw. fordern, wohl das authentische Verspüren einer anderen und übergeordneten Dimension; nicht jedoch ist alles Ethik, was sich "Ethik" nennt. Für vieles endet die ethische Reflexion beim Auflisten von Problemen und Lösungsmöglichkeiten; woher jedoch das "Sollen" sich geltend macht, das den freien Menschen zu einer ganz bestimmten Handlung verpflichtet, bleibt eine unbeantwortete Frage.

Das "Sollen" tritt nicht erst als Forderung auf, wenn die katastrophalen Folgen eines Vorganges oder eines Systems sichtbar und bedrohlich werden. Der Ruf nach "Ethiken" zur Abwendung von drohenden Entwicklungen muß mehr Begründung haben als die Furcht vor Schaden und Selbstzerstörung. Wenn Ethik sich nur als Schlußfolgerung einer unheilvollen Entwicklung darstellt, ist sie nicht mehr als ein Wissen von drohendem Schaden. Wenn Ethik eine Kompetenz des sittlich handelnden Menschen sein soll, muß sie etwas anders als Schadenseinsicht sein. Die Ethik muß bereits in jenem Augenblick gelten, in dem der freie Mensch zu handeln und zu entscheiden beginnt. Ethik ist also nicht einfach Erfahrungssache, sondern Wirklichkeit von Normen und Werten, die sich nicht erst durch Erfahrung rechtfertigen, sondern bereits gelten und verpflichten, ehe der freie Mensch handelt.

Hier wird also das Wort "Ethos" in dem Sinn übertroffen, daß Erfahrung, Gewohnheit und Wissen über die Folgen eines Handelns nicht dafür ausreichen, dem Menschen nachträglich ein "Sollen" begreifbar zu machen. Das ethische Sollen beginnt nicht erst später, sondern zugleich mit jenen menschlichen Akten, die in Freiheit und Vernunft vom Menschen gesetzt werden. Ethik ist also nicht ein Welt- und Menschenbild, das langsam aus einzelnen Elementen von Erfahrung zusammengetragen wird. Die Ethik hat mit der freien Selbstbestimmung des Menschen zu tun, die ihre Werte und Normen, ihre Urteile und Handlungen gemäß dem Wesen des Menschen vollzieht. Ethik ist also nicht Erfahrungswissen, wie wir dies im Bereich der Forschung, der Anwendung und des konkreten Nutzens haben. Ethik ist ein vom Gewissen des Menschen vernommenes Sollen, das sich in freier Selbstbestimmung gemäß dem Wesen des Menschen ereignet und die Tat des Menschen als gut oder böse beurteilt. Was als gut oder böse zu beurteilen ist, steht nicht im Anhang unserer Erfahrungen. Wie das Denken der Vernunft nicht eine Zusammensetzung von Teilerkenntnissen ist, sondern vor jeder Teilerkenntnis besteht, so ist die Fähigkeit zum Gewissensurteil etwas mit dem Menschsein Vorgegebenes. Wäre uns nicht mit dem Menschsein der Unterscheidungssinn für Gut und Böse gegeben, wir könnten diesen Sinn nachträglich niemals erlernen.

Wenn also die Rede von Ethos und Ethik verstanden werden will, ist es unerläßlich, daß wir den Menschen selbst verstehen, daß wir die Wahrheit über den Menschen kennen, die wir wohl entdecken, nicht aber eigenmächtig produzieren oder konstruieren können. Ethik verlangt also einen Rückgriff auf die Wahrheit des Menschen, die Gott als der Schöpfer des Menschen selbst gibt, ehe der Mensch seine konkreten Taten setzt. In diesem Sinn ist Ethik der Bereich jener Unverfügbarkeit, die aus sich gilt und durch das konkrete Leben nicht in Frage gestellt werden kann. In manchen Wissenschaften gilt das Prinzip von "trial" und "error", nicht aber in den Prinzipien der Ethik. Auch ethische Urteile müssen sachgerecht angewandt werden; dennoch verändert die Anwendung nicht die Wahrheit der ethischen Norm.

Manche Anwendung ethischer Prinzipien ist zuweilen problematisch, wenn unser Sachwissen über die Gegebenheiten der Anwendung unklar ist. Je genauer unser Sachwissen z.B. über eine politische, soziale, ökonomische, militärische, medizinische Problematik ist, desto treffender wird auch das ethische Gewissensurteil ausfallen, das über Gut und Böse, über Erlaubt und Unerlaubt, über Pflicht und Verbot vom sittlich bewußten Menschen gefällt wird.

Das ethische Urteil verlangt das ständig begleitende Erkennen der Wahrheit über den Menschen, der Gottes einzigartiges Geschöpf ist. Wir erleben in unserer Zeit den Aufstand mancher Menchen gegen eine Wahrheit, die Menschen nicht selber machen können; der begehrende Mensch will sich seinen Gott und die Normen seines Gewissens selbst schaffen. Daher kommt es zum Versuch, die Ethik in dem Sinn zu demokratisieren, daß die Mehrheit der Menschen - oft auch die angebliche Mehrheit - bestimmen soll, was gut oder böse, erlaubt oder unerlaubt ist. Auf diese Weise wird erlaubt und gut, was das faktische Verhalten des Menschen ist. Orientierung gäbe es nur in dem, was gerade jeweils eine Mehrheit oder die Mächtigen als gut befinden.

So wird die angemaßte Autonomie zur Ursache von Unsicherheit und Mißtrauen, denn nichts anderes als das gerade jetzt geltende Verhalten wäre Norm und Pflicht. Es könnten keine Maßstäbe des Urteils gelten als jene des gerade Tatsächlichen.

Dagegen hält die Lehre der katholischen Kirche aufrecht, daß es Normen, Werte und Gebote gibt, die für das freie und vernünftige Handeln des Menschen gelten und nicht menschlichen, sondern göttlichen Ursprungs sind; der göttliche Ursprung ist aus der Ordnung der Schöpfung und aus der übernatürlichen Offenbarung gewährleistet. Was aber im Wesen Gottes begründbar ist, hat Geltung dort, wohin Gottes Sein, Weisheit, Güte und Allmacht reichen; Gebote und Normen der Ethik, in denen Gottes Wille und des Menschen Wahrheit als Abbild Gottes sich kundtun, gelten überall und zu jeder Zeit, sie gelten allgemein und damit für jeden Menschen.

Es gibt eine Reihe von Irrtümern, die heute der absoluten Geltung einer Ethik widersprechen: Kern dieser Widersprüche ist die Anmaßung der Menschen, autonom und subjektiv selbst zu bestimmen, was gut und böse ist, ohne ein Gesetz Gottes und die Lehre der Kirche zu befragen. Man beruft sich dabei fälschlich auf das II. Vatikanische Konzil, das nicht das autonome Gewissen des Menschen bestätigt, sondern vielmehr lehrt: "Im Inneren seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muß und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes" (GS 16). Das sogenannte autonome Gewissen hingegen ist sich selbst letzte Instanz und bestimmt aus sich die sittlichen Normen; die Kirche aber lehrt nicht das eigenmächtige autonome Gewissen, sondern das recht gebildete Gewissen, das sich sein Gesetz nicht selbst gibt, sondern an der Ordnung der Schöpfung und an der Lehre des Glaubens über Gott und den Menschen sich bildet. Auch das soldatische Ethos verpflichtet dann, wenn es das soldatische Verhalten und Handeln eines recht gebildeten Gewissens ist. Ethos und persönliche Verantwortung sind voneinander nicht zu trennen, Ethos und autonom-subjektives Chaos sind unversöhnliche Gegensätze.

Schon im Neuen Testament wird die Persönlichkeit des Soldaten und dessen Aufgabe und Verhalten gewürdigt. Zu Johannes dem Täufer kamen auch Soldaten, die ihn fragten: Was sollen denn wir tun? Johannes sagte zu ihnen: Mißhandelt niemand, erpreßt niemand, begnügt euch mit eurem Sold (vgl. Lk 3,14). Wenngleich die Botschaft des Johannes noch zeitbedingt negativ klingt, ist sie dennoch bereits ein Appell zu Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Zivilisation. Auch Jesus selbst begegnet Soldaten; ein Hauptmann tritt in Kafarnaum an Jesus heran und bittet ihn um Hilfe für seinen gelähmten Diener. Jesus sagt zu, zu kommen und ihn gesund zu machen. Der Hauptmann ist von Jesu Bereitschaft überrascht und beteuert: Herr, ich bin nicht würdig, daß du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, und mein Diener wird gesund. Auch ich muß Befehlen gehorchen und habe Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er und zu einem anderen: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es. Jesus sagt: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemand gefunden. Der Hauptmann weiß, daß der Glaube noch mehr ist als seine soldatische Macht sich vorzustellen erlaubt. Und Jesus erfüllt seine Bitte und sagt: Geh! Es soll geschehen, wie du geglaubt hast. Und in derselben Stunde wurde der Diener gesund (vgl. Mt 8,5-13).

Ein Hauptmann war es, in dessen Gedanken sich kundtat, was Jesus bei den Menschen suchte: den Glauben. Ein Hauptmann hatte Jesus am Kreuz zu bewachen; als der Hauptmann und seine Wache die Zeichen der Natur beim Tod Jesu wahrnahmen, sagten sie das, was zur zentralen Wahrheit in der Kirche Christi wurde: Wahrhaft, er war Gottes Sohn (vgl. Mt 27,54). Obwohl die Soldaten des Pilatus Jesus verhöhnten und zum Ort der Kreuzigung hinaustrieben, ihn kreuzigten und sein Gewand verlosten, konnten auch sie die Zeichen des Glaubens wahrnehmen. Im Schrecken konnten sie auch Zeugen der Auferstehung Jesu aus dem von ihnen bewachten Grab sein; sie wurden sogar von den Hohenpriestern und Ältesten bestochen, die Wahrheit über die Auferstehung zu verschweigen (Vgl. Mt 28,12-15).

Soldaten sind auch einbezogen in den Weg der Urkirche zur allumfassenden Kirche: Gott hatte die Gebete des Hauptmanns der italischen Kohorte, Kornelius, erhört und ihn zu Petrus gewiesen. Kornelius empfing mit seinem ganzen Haus Petrus, um alles anzuhören, was der Herr diesem aufgetragen hat. Im Haus eines Hauptmanns, in der Taufe des Kornelius und seines Hauses, ereignet sich der Übergang der Urkirche auch hin zu den Heiden: Die Kirche beschränkt sich nicht mehr auf die Gläubigen aus dem Volk der Juden. Die Kirche Jesu Christi gewinnt Weite und schließlich Ausbreitung über die ganze Welt und bei allen Völkern. Denn Gott will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen (vgl. 1 Tim 2,4). Auch Soldaten sind in dieses Offenbarwerden der Liebe Gottes einbezogen und haben auch im Heilswillen Gottes ihre Bedeutung.

Es geht hier nicht darum, mit Hilfe des Neuen Testaments ein volles Bild des Soldaten zu zeichnen; es möge die Feststellung genügen, daß die Person des Soldaten eingeschlossen ist, wenn Gott sich in der Geschichte als Erlöser kundtut. Wir dürfen zudem bemerken, daß in den ersten Jahrhunderten der Kirche auch römische Soldaten im weiten Römerreich Boten des Glaubens waren; eine erste Christianisierung unserer Länder war ein Beitrag, den auch Soldaten leisteten.

Das Anliegen der Evangelisierung besteht für die Kirche auch heute. Freilich hat sich vieles im Militär- und Friedensdienst des heutigen Soldaten gewandelt, sodaß eine Verbindung mit der frühen Geschichte nicht alles erklären und anwenden kann, was die soldatische Verpflichtung von heute beinhaltet. Die Welt ist durch weltweite und schreckliche Kriege eine andere geworden. Dennoch beziehen sich auch heute die sittlichen Verpflichtungen, die das soldatische Ethos prägen, auf dieselben Fragen nach dem Menschen, nach Frieden und Gerechtigkeit und nach der Sicherheit der Schwächeren.

Was der Soldat heute kennen und können muß, davon hatten frühere Zeiten oft noch nicht die geringste Ahnung. Vielleicht hat man im Zeitalter vieler und eher geographisch begrenzter Kriege das soldatische Ethos als ein hehres Gefühl der treuen Pflichterfüllung, der unbedingten Bereitschaft zur Verteidigung eines Landes und seiner Menschen, ja sogar der Hingabe des Lebens für andere verstanden. Es gab zwar immer wieder grausame Kriege an vielen Orten der Welt, dennoch ist durch Jahrzehnte der totale Krieg ausgeblieben, weil der Schrecken eines Atomkriegs die Menschen mehr disziplinierte, als die Begierde nach Eroberung und Machtgewinn.

Der Friede, dessen wir uns seit fünfzig Jahren in unserem Land erfreuen, soll weiterdauern. Auch dieser Friede kann nur bestehen, wenn Politiker, Bürger und Soldaten jeden Tag das Richtige dafür tun. Die Gewöhnung an den Frieden soll uns daher nicht vergessen lassen, daß der Friede ein hohes Gut ist, das jeden Tag durch Unrecht, Menschenverachtung, Demagogie, Machtstreben oder maßlose Selbstüberschätzung zerbrochen werden kann.

Auch der herrschende Friede ist ein Zeichen der Zeit, das nicht einfach und ohne Mühe genossen werden darf. Die Zeit des Friedens muß die Erinnerung daran sein, daß die vielen Kräfte, die zum Frieden beitragen müssen, nicht genußvoll schlafen und untätig sein dürfen. Der Friede kann nur auf Dauer bestehen, wenn die Bildung des Gewissens bei allen, die Verantwortung dafür tragen, d.h. das Urteil über Gut und Böse, über Gerechtigkeit und Unrecht, über die Vorgaben der Menschenrechte und über das Wohl der ganzen Menschheit fortschreitet und die Welt des Menschen ordnet. Es mag Verträge und Pakte, Sicherheitssysteme und kluge Konfliktregeln geben; alle diese Ordnungselemente halten und tragen nur, wenn das recht gebildete Gewissen des Menschen dafür einsteht.

Es ist allein das persönliche Gewissen des Menschen, das solche Instrumente des Friedens davor bewahrt, toter Buchstabe und wertloses Papier zu sein. Es ist das verpflichtende Gewissen, das den Frieden mit Vernunft und Freiheit zur gelebten Wirklichkeit macht. So wird sich immer wieder zeigen, daß selbst die am sichersten scheinenden Machtverhältnisse zerbrechen, wenn sie entweder gegen den Menschen gerichtet sind oder meinen, auf Erziehung und Gewissen der Menschheit verzichten zu können. Wir selbst sind schließlich die Zeitzeugen dafür geworden, daß selbst die gewalttätigsten und mächtigsten Systeme über Nacht zerbrechen, wenn sie unmenschlich und ohne Gewissen sind: so geschehen seit 1989.

Selbst Menschen ohne Gottesglauben definieren häufig die menschenwürdige Kultur unserer Zeit als die Zügelung der Macht durch Sittlichkeit. Auch diese Sittlichkeit ist wesentlich ein Rückgriff auf etwas, was höhere und die verschiedenen Systeme übersteigende Norm ist und das menschliche Tun auf eine Übereinstimmung mit dem verpflichtet, was zum Wesen des Menschen zu aller Zeit, an jedem Ort und in jedem Menschen gehört. Unser Erkennen, Wissen und Denken ist der Zugang zu dem, wer und was der Mensch ist; dieser Mensch ist jedoch nicht nur ein erkennender und wissender; der Mensch ist zugleich ein sittlich urteilender, entscheidender, handelnder. Der Mensch ist nicht Mensch, wie er erkennbar und greifbar ist; sein Menschsein ist auch die verpflichtende Vorgabe dafür, daß er als Mensch handelt und daß er sich erhebt über jedes irdische Lebewesen und über den Zwang der Dinge und Sachen. Ein Grundsatz der Philosophie ist es lange schon: "Agere sequitur esse" - das Handeln folgt dem Sein; das Handeln ist vom Sein bestimmt; das Menschsein bestimmt das Handeln des Menschen; das Handeln des Menschen braucht die Übereinstimmung mit dem Sein des Menschen; auch das sittlich gute und gebotene Handeln muß Kundgabe und Übereinstimmung mit dem sein, was der Mensch ist.

Bei solcher Sicht von Sein und Handeln kann sich der Mensch in seinen sittlichen Urteilen, Entscheidungen, Handlungen nicht damit rechtfertigen, daß er sich auf ein Gewissen beruft, das sich selbst völlig eigenmächtig die Norm ist und gegen allen Anspruch höherer Wahrheit ausschließlich selbst bestimmt, was gut und böse, was zu tun und zu meiden ist. Wir haben es hier mit dem Irrtum zu tun, das Gewissen des Menschen sei autonom und bestimme völlig eigenmächtig, was sittlich und unsittlich sei. Aus vielen Quellen kommt der Irrtum des autonomen Gewissens, vor allem soll das autonome Gewissen die Emanzipation des Menschen von Gott, von religiöser Wahrheit, von Fremdbestimmung durch Kirche und Lehramt, von Erziehung und gesellschaftlicher Abhängigkeit sichern. Es ist eine Variante des theologischen, philosophischen und politischen Liberalismus, der in der irrtümlichen Behauptung des autonomen Gewissens auftritt. Es ist die Faszination des Modernen, die mit der Autonomie des Menschen zu einem Menschenbild verführt, das ohne Gott gelten will und jede Transzendenz von Normen und Werten in Abrede stellt.

Wird die Autonomie des Gewissens konsequent durchgedacht, wird es zu einer hohen Gefahr für den Menschen: Wer will einem sogenannten autonomen Gewissen entgegenhalten, daß Töten und Beschädigen eines schuldlosen Menschen eine zu strafende Schuld bedeutet, wenn der vermeintlich autonome Mensch sich dabei auf sein autonomes Gewissen beruft, das ihn zum Töten angeblich berechtigt? Das autonome Gewissen ist in seiner Beliebigkeit eigentlich grenzenlos und daher eine Gefahr. Wie sollen die Verbrechen am Menschen gerichtet und bestraft werden, wenn der autonome Mensch keine Gebote und Verbote anerkennt, die ihm von Gott, von der Gesellschaft, vom Gesetzgeber und von der Schöpfungsordnung auferlegt werden? Für Menschen mit Macht kann das autonome Gewissen zu einem gefährlichen Feuer werden, das keine Grenzen kennt!

Heute erleben wir im Bereich der christlichen Ethik und Moral auch den Autonomismus des Gewissens. Das sogenannte autonome Gewissen ist häufig auch bewußt gottlos; denn es läge im Begriff Gottes, den Menschen doch irgendwie zu binden. Während das philosophisch konzipierte autonome Gewissen jede Fremdbestimmung als Norm und Bildung des Gewissens ablehnt, gibt es auf der anderen Seite eine andere Form der Eigenbestimmung des Gewissens; diese Eigenbestimmung setzt sich aus dem Urteil einer handelnden Mehrheit zusammen; Norm ist nur das, was faktisch geworden ist und einer Mehrheit oder den Mächtigen gefällt. Die Normenbildung aus dem Faktischen ist ebenso ohne Gott und Transzendenz wie die Normenschaffung des autonomen Gewissens. Im Bereich des religiösen Demokratismus, der heute auch in der Kirche seine Anhänger hat, wird nicht mehr gefragt, was denn Gottes Wille und Gesetz ist, nach dem man sich richten müßte. Es ist umgekehrt: Gott wird nur mehr akzeptiert, wenn Gott sich den faktischen Normen und Werten des Menschen anpaßt. Es geht nicht mehr um die Bekehrung des Menschen zu Gott und um die Erfüllung des göttlichen Willens durch den erkennenden und liebenden Menschen; fast scheint der Mensch zu sagen: Gott, du mußt dich ändern, wenn du von uns geliebt sein willst.

Zu den Irrtümern unserer Zeit gehört, daß nur mehr das Faktische und dessen Summe etwas wahrhaft Wirkliches sind und daher alles, was den Einzelfall des Faktums übertreffen möchte, ein Nichts und eine irreale Projektion des Menschen ist. Dieser Option gehören auch die Begründungen und Behauptungen jener an, die bei uns zunächst als Begehrende aufgetreten sind und in der Folge mit einem "Herdenbrief" zur Sexualität die Beweggründe für ihren Protest konkretisieren. Ihre geradezu skandalösen Irrtümer in der Sexualmoral sind letztlich die Anpassung der sittlichen Urteile an das faktische Verhalten des Menschen; die Vorgaben der Offenbarung, die Botschaft Christi, die Lehre der Kirche und die Ordnung der Schöpfung werden dem Relativismus des jeweiligen Zeitgeistes geopfert. So kommt der "Herdenbrief", der angeblich aus Liebe zur Kirche und zum Menschen verfaßt wurde, z.B. zum folgenden Urteil über Homosexualität in These 11: "Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind wie andersgeschlechtliche insoweit gut, als sie verantwortlicher Ausdruck von Liebe sind. Liebe und Treue verlieren nicht ihren Wert, wenn sie gleichgeschlechtlich gelebt und erfahren werden." Von diesem "Herdenbrief" behaupten die Verfasser und Herausgeber: "In einem demokratischen Prozeß wurde eine Vielzahl von Vorschlägen und Zuschriften in einen Text gegossen und an die Bischöfe versandt."

Auch Demokratie und Mehrheit sind keine Begründungen für das Gewissensurteil des Menschen. Einige Positionen des "Herdenbriefes" weichen sowohl im Inhalt als auch in Begründungen so weit von der Lehre des Glaubens ab, daß eine angemessene theologische Diskussion gar nicht mehr möglich ist; zuweilen ist ein entschiedenes Nein vonseiten der Kirche die einzig redliche Weise von Auseinandersetzung. Auffällig ist es, daß es zwischen den Begehrenden in der Kirche und gewissen politischen Optionen in unserem Land querverbindende Netzwerke gibt, die eigentlich leicht erkennbar wären; das Bewußtsein dafür ist in unserem Land erstaunlicherweise oft sehr gering. Liberalismus und Agnostizismus, die absolute Wahrheit eigentlich immer ausschließen, sind einander verbundene Ideologien. Auch eine Rechtfertigung der bewaffneten Verteidigungsbereitschaft wird es in solchen Gruppierungen kaum geben. Es gibt also auch im Bereich der Optionen so etwas wie kommunizierende Röhren, die in ihrem Zusammenhang vielleicht unsichtbar sind, aber den gleichen Problemstand ausweisen, in verschiedenen Parametern.

Auch der Soldat ist heute mit den gängigen Ideen und Optionen konfrontiert; er lebt als Bürger unter Bürgern; er kann in freier Entscheidung als Bürger die Politik des Staates mitbestimmen; er ist nicht zur Abstinenz von den Rechten des Staatsbürgers in der Kaserne angehalten. Der Soldat kann sich auch in der Kirche am Apostolat beteiligen, er kann mitgestalten und mithelfen, er kann der Zeuge Christi, der gewissenhafte Vorgesetzte und der treue Beschützer des Vaterlandes sein; er kann der wahre Mensch durch Christus sein, der in seinem Lebensbild ein Abbild der Heiligkeit und Güte Gottes und der Liebenswürdigkeit unseres Erlösers ist. Wenngleich es das Bestreben weniger ist, den Soldaten und das Militärwesen zu isolieren, steht der Soldat im Urteil der Kirche und auch der Bürger in Ansehen und Ehren. Auch wenn manche behaupten, daß vor dem Gelingen einer Reform bereits wieder eine neue Reform angesetzt wird, um das Erreichte zu destabilisieren, stellt unsere Landesverteidigung mit ihrem Heer einen manchmal unauffälligen, aber durchaus notwendigen und wirksamen Faktor für den Frieden nach außen und nach innen, für die Sicherheit in der Republik, für die Wahrung der Menschenrechte, für das Gemeinwohl der Bürger dar. Auch wenn es in der Kirche in Österreich vereinzelt Kräfte gibt, die das Heer und die Landesverteidigung in Frage stellen, auch wenn es in den Massenmedien im Verhältnis mehr Gegner gibt als im Volk, bejaht die katholische Kirche in Österreich die bewaffnete Landesverteidigung und unser Bundesheer.


Eine besondere Wertschätzung der Soldaten durch die Kirche bedeutet die Ernennung von Militärbischöfen und Errichtung des Militärordinariats für Österreich. Über 200.000 Gläubige (Soldaten und Familien) sind dem Militärbischof in Österreich zugeordnet. Als Diözesanbischof in einer Diözese mit vielen Soldaten und Einrichtungen des Bundesheeres muß ich feststellen, daß durch die Ernennung eines eigenen Militärbischofs die Militärseelsorge wesentlich wirksamer und pastoral erfolgreicher sein konnte. Neben der seelsorglichen Betreuung für das Führungspersonal wurde für die Kirche die Betreuung der Jungmänner zu einer konkreten Chance der Jugendpastoral: Nicht wenige junge Männer finden in der Zeit des Präsenzdienstes zu Christus, zur Kirche und zu einer persönlich fundierten Lebensordnung. Militärbischöf Christian Werner und seine Priester sind mir liebe Freunde und unverzichtbare Mitbrüder, die ganz gegen das Bild von der absterbenden Kirche wirken und für die Kirche in Österreich Hoffnung sind. Meinerseits bemühe ich mich sehr bewußt, gemeinsam mit dem Militärbischof aufzutreten, um das gemeinsame Anliegen der Seelsorge für die Soldaten, ihre Offiziere und Familien zu betonen.

Die Frage des soldatischen Ethos steht heute in vielen Zusammenhängen und entscheidet sich in vielen verschiedenen Situationen. Was bisher klar geworden sein möge, ist die Einsicht: Nur mit menschlicher Klugheit findet sich kein Ethos für den Soldaten. Das Ethos des Soldaten ist ständig verbunden mit den Fragen von Leben und Tod; - von Pflichterfüllung, die über das Lebensganze hinausgeht, weil das irdische Leben des Soldaten auf dem Spiel steht; - vom Gemeinwohl der Bürger, deren Vaterland, Familien und Unversehrtheit der Soldat zu schützen hat. Der Soldat kann im Gewissen dazu nicht verpflichtet werden, wenn nicht seine Gottesbeziehung jenseits aller persönlichen Interessen ihn zum Ethos verpflichtet. Die Ausbildung des Soldaten - vor allem in langen Zeiten des Friedens - muß Gewissens- und Persönlichkeitsbildung sein.

Die meinem Beitrag gestellte Frage gilt dem soldatischen Ethos unseres Jahrhunderts, des 20. Jahrhunderts. Während in den ersten Jahrzehnten der Wille eines Monarchen, die Ehre und das Wohl einer Nation, der Befehl eines Feldherrn und die formale Pflichterfüllung die beherrschenden Bezugspunkte für das soldatische Ethos waren, ist im ethischen Bewußtsein der letzten Jahrzehnte eine andere universale Größe aufgetreten, an der sich die Geister des Ethos scheiden. Immer mehr tritt der Mensch als Person mit einzigartiger Würde, mit unverlierbaren Rechten und mit persönlicher Verantwortung hervor. Der Mensch als Person wird zum Träger des Ethos und auch zu dessen Maß. Der Mensch als Person ist nicht nur der Schlüsselbegriff der immer zu beachtenden Soziallehre der Kirche. Der Mensch als Person ist auch das Subjekt jener von der Völkergemeinschaft garantierten Menschenrechte, die primär mit dem Sein eines jeden Menschen verbunden sind und nur sekundär Gegenstand von staatlichen Gesetzen und internationalen Vereinbarungen sind. Der Mensch als Person ist der Festpunkt des moralischen Handelns, die Offenkundigkeit des Gewissens, das authentische Subjekt des Ethos, das nicht kollektiv, sondern personal zustandekommt. Auch das soldatische Ethos folgt dem Fortschritt der Wahrheit über den Menschen; auch in der militärischen Verteidigung und in deren ethischen Entscheidungen stehen nicht mehr Kollektiv gegen Kollektiv. Das Ethos des Soldaten ist ein Verhältnis von Mensch zu Mensch, ob im Bereich des Befehlens und Gehorchens oder der Verteidigung gegenüber dem ungerechten Angreifer. Das soldatische Ethos ist ein Ethos mit dem Ziel des Friedens; der militärische Sieg gegen den Angreifer muß sich in der personalen Würde des Siegers und des Besiegten läutern und ein Weg zu Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Frieden und Zusammenarbeit sein. Die Würde der Person, die allen gleich ist, läßt ethisch nicht zu, daß jemand Krieg nur für Eroberung und Machtgewinn führt. Die Würde der Person läßt in Krieg und Konflikten nicht zu, was das Naturrecht und das Völkerrecht verbieten. Die Würde der Person ist die sittliche Botschaft dafür, daß der Krieg immer die schlechteste Lösung ist.

Die Würde des Menschen läßt es niemals zu, daß ein unschuldiger Mensch vorsätzlich und freiwillig von anderen Menschen getötet wird. Niemals darf ein unschuldiger Mensch vorsätzlich getötet werden, auch nicht der ungeborene Mensch, nicht der behinderte oder alte Mensch.

Die Würde des Menschen bringt für uns die Pflicht mit sich, dem Notleidenden und Schwachen zu helfen. Sicher gibt es eine gewisse Verhältnismäßigkeit und eine Reihenfolge in der Hilfe, die nahestehende Menschen zuerst berücksichtigt. Auch der feindlichste Mensch hat ein Recht auf Hilfe zum Überleben und auf Schutz durch Recht und Gerechtigkeit.

Daß der Mensch Person ist und eine bessere Friedensordnung dadurch in der Welt entsteht, ist wirksamer Widerspruch gegen jede Ideologie, die den Särkeren gegenüber dem Schwächeren bevorzugt und das Recht aus dem Interesse des Stärkeren definiert. Die Würde des Menschen ordnet die Gefühle der Menschen, die sich vom blinden Nationalismus zum Patriotismus fortentwickeln sollen. Jeder Mensch ist ein höchstes Gut, das verteidigt werden muß; gegen die Gewalt des ungerechen Angreifers kann die Verteidigung unserer Bürger, unserer Familien, unseres Lebensraumes, unserer Souveränität, unserer Rechte, unserer Freiheit und unseres Lebens auch mit der Waffe des Soldaten geschehen, ja vielleicht muß in manchen Fällen die bewaffnete Verteidigung auch aus ethischen Gründen eingesetzt werden.

Das II. Vatikanische Konzil anerkennt die Entscheidung von Menschen, die bei der Wahrung ihrer Rechte verzichten, Gewalt anzuwenden und sich auf eher gewaltlose Art verteidigen; dennoch werden auch sie aufgefordert, bei ihrem Verzicht auf Gewalt eine Verletzung der Rechte und Pflichten anderer oder der Gemeinschaft nicht zuzulassen (vgl. GS 78). Das Konzil legt aber auch fest, daß nach Ausschöpfung aller Friedensmöglichkeiten eine Regierung auch zur sittlich erlaubten Verteidigung schreiten kann, mit aller Verhältnismäßigkeit auch durch den Einsatz militärischer Mittel (vgl. GS 79). Wörtlich sagt das Konzil: "Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei" (GS 79).

Insofern wir Menschen Sünder sind, droht uns die Gefahr des Krieges, und auch wir drohen mit dieser Gefahr bis zur Ankunft Christi (vgl. GS 78). Das Tun und Entscheiden des Soldaten kann sich je nach Situation und Problem täglich verändern; es wird aber zu allen Zeiten die wachsame Bereitschaft des Verteidigers, die geordnete Verteidigung mit aller rechtmäßigen Ernsthaftigkeit und dem Dienst für die Würde in Freiheit, für das Leben und Wohl, für die Sicherheit der Bürger geben müssen. Wenn Friede noch irgendwie möglich ist, hat er vor allen anderen Lösungen den absoluten Vorrang für das Gewissen der Völker und ihrer Regierungen.

Zum Frieden, d. h. zum besten Gelingen der militärischen Verteidigung, gehört immer mehr die Bildung des Gewissens und die Anerkennung des Menschen als Person. Der Mensch überragt als Person alle Dinge der Welt. Person ist unendlich mehr als ein bloßes Lebewesen. Nichts darf die Ordnung durchbrechen, die von der Person des Menschen her begründet ist. Unsere jungen Soldaten mögen ihre Ausbildung auch dafür nützen, die Wahrheit über den Menschen zu begreifen. Allein der Mensch ist das Abbild Gottes; allein der Mensch ist der Wahrheit und Liebe fähig. Allein der Mensch hat es in seiner Freiheit, Gott und den Nächsten zu lieben.

Unser Wissen vom Menschen endet nicht beim Menschen. Wer also das Ethos sucht und lebt, muß den Menschen in seinem Ursprung aus Gott begreifen. Wer Gott und das Gute immer wieder sucht, der wird sogar sich selbst als Mensch in aller Tiefe begreifen und sagen: Kenne ich mich, kenne ich dich, o Gott.

Helfen, verteidigen, schützen, wohlwollen, glauben, beten und denken: alles hat seine Mitte im gottbezogenen Ethos des Soldaten, der auch Soldat Christi sein darf. Soldatisches Ethos in unserer Zeit sei Können und Wissen mit Gewissen.


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